Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.
Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst

(Monatslosung für Oktober 2004 aus 2. Korinther 3,17)

Eines der größten Bedürfnisse des Menschen besteht darin, frei zu sein. Der Drang nach Freiheit, über sich selbst und das eigene Leben entscheiden zu können, führte zu Aufständen und Kriegen aber auch zu friedlichen Demonstrationen, an deren Ende oftmals eine vermeintliche Freiheit erreicht wurde. Aber wurden und sind Menschen tatsächlich frei? Müssen wir erst hinauf über die Wolken, wo die Freiheit wohl grenzenlos sei, wie es Reinhard Mey in einem seiner Lieder besang? Oder müssen wir bestimmte Produkte kaufen, um frei sein zu können, wie es uns die Werbung weismachen will?

Wir befinden uns im 6. Jahrzehnt nach Christi Geburt, in dem Paulus den 2. Brief an die Korinther, aus dem unsere Monatslosung für den Monat Oktober entnommen ist, verfaßte. In dieser Zeit konnten im Römischen Reich bei weitem nicht alle Menschen von sich behaupten, freie Menschen und damit Bürger des Reiches zu sein. Wichtige Grundlage des Reiches war die Sklaverei. Vom wirtschaftlichen bis hin zum militärischen Bereich stellten Unfreie Grundpfeiler dar, ohne die das Staatssystem zusammengebrochen wäre. In dieser Zeit schreibt Paulus, dass dort wo der Geist Gottes wirkt, Freiheit ist.

Paulus versucht hier nicht, den unter der Unfreiheit leidenden Menschen der damaligen Zeit weltlichen Trost zu spenden. Er will den Korinthern nicht sagen, dass sie mit dem Schicksal ihrer täglich erfahrbaren Unfreiheit leben müßten. Nein, er weist in seinem Schreiben vielmehr auf eine Tatsache hin, die nicht die leibliche Freiheit betrifft, sondern den geistlichen Zustand beschreibt, in dem sich der Christ befindet.



Diese Wahrheit brachte eine ganz neue für die Freiheit des Menschen bedeutende Veränderung mit sich. Stand im Alten Bund, also im Alten Testament, das Einhalten der Gebote Gottes im Vordergrund, so wird uns im Neuen Testament davon berichtet, dass wir allein durch die Gnade Gottes von unseren Sünden, unserer Schuld, freigesprochen sind.

„Denn durch Werke des Gesetzes wird niemand vor Ihm gerecht werden; durch das Gesetz kommt es vielmehr zur Erkenntnis der Sünde.“ (Römer 3,20)

Der Begründer der Reformation, Martin Luther, hat dies in seinem Schreiben „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520 besonders hervorgehoben. Er schrieb: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Dies sieht sicherlich im ersten Moment wie ein Widerspruch aus. Aber ist diese Aussage auch wirklich widersprüchlich?

Gottes Geist wirkt dort, wo sich Menschen zu Jesus bekehren. Sein Heiliger Geist ist bei denen, die sich auf den Lebensweg mit Ihm machen. Durch Seinen Heiligen Geist werden wir zunächst davon frei, nur durch die Einhaltung der Gebote gerecht zu werden. Insofern sind Christen, um es mit Martin Luther zu sagen, freie Herren über alle Dinge und niemand untertan. Durch Seinen Heiligen Geist und durch unsere Beziehung zu Jesus entsteht aber auch das Bedürfnis, Gottes Gebote einzuhalten.

Jesu Gebot „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,12) hat unwillkürlich zur Folge, dass ein Christenmensch ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann ist (s.o.). So widerspricht sich Luther in seiner Aussage nicht, obwohl dies im ersten Moment so scheint.

Jesus Christus hat uns davon befreit, das Gesetz in den Vordergrund unseres Lebens zu stellen und diesem in erster Linie Folge zu leisten. Er hat uns aber weiterhin in die Verantwortung gegenüber Gott und der Liebe gegenüber unserem Nächsten gestellt. Möge der Geist des Herrn ungehindert an uns wirken, damit wir noch viel mehr Aspekte dieser wunderbaren „Freiheit eines Christenmenschen“ erleben dürfen.




Gedanken vom Hausbibelkreis Wrana, Lydia-Gemeinde


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