Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

(Monatslosung für Mai 2003 aus Römer 15,7)

Meinungsverschiedenheiten und Streit unter Menschen gibt es seit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Und auch unter den Christen in den jungen Gemeinden des 1. Jahrhunderts nach Christi Geburt war es nicht anders. Man stritt sich über die verschiedensten Dinge und gerade am Anfang des Christentums lag bei den aus den verschiedensten Kulturen und Religionen kommenden Christen manch Zündstoff in der Luft. Und so erging es auch der römischen Gemeinde. Offensichtlich war die Uneinigkeit so groß, dass der Apostel Paulus es als notwendig ansah, gegenüber den römischen Christen zu einigen Themen Stellung zu beziehen.

Im 14. und 15. Kapitel des Römerbriefes befasst sich Paulus daher vermittelnd mit einem konkreten Streit über die Handhabung von Speisevorschriften innerhalb der Gemeinde. Seine Mahnung lautet: Nehmt einander an – in gegenseitiger Liebe! Lasst uns also nach dem streben, was zum Frieden und zum Aufbau (der Gemeinde) beiträgt.

Dieses Annehmen bedeutet, den Anderen zunächst mit all seinen Mängeln zu akzeptieren. Diese persönliche Einstellung führt dazu, dass ich offen bin für die Belange meines Mitmenschen und ich mich mit ihm in seiner Lebenssituation auseinander setzen kann. Es gibt keinen Grund mein Gegenüber zu richten oder gar zu verachten.

Nur so kann die Einheit der Gemeinde bestehen bleiben. Alle Christen, die, die fest im Glauben stehen wie auch die Menschen, die noch einen weiteren Weg mit Jesus zurück legen müssen, haben nur ein Vorbild, einen Maßstab für ihr Verhalten, nämlich Christus. Ja, er hat wirklich alle Menschen angenommen: Starke, Schwache, Sünder, Gottlose, ja sogar seine Feinde.

Vielleicht denken wir heute, welch nutzloser, dummer Streit herrschte damals in Rom; schließlich ging es doch nur um Speisevorschriften. Begriffe wie Akzeptanz und Toleranz kommen uns schnell mit einem Lächeln über die Lippen. Aber wie aktuell ist dieser kleine Satz: “Nehmt einander an“ auch heute noch? Können wir wirklich jeden Menschen vorbehaltlos annehmen? Was erschreckt uns? Äußerlichkeiten, Andersartigkeiten, Antipathien, Vorurteile oder vielleicht die Zugehörigkeit zu anderen Gruppen, ...? Wo ziehen wir unsere persönlichen Grenzen?

Auch wenn wir nicht vorschnell verurteilen wollen, so gehört doch eine gewisse Beurteilung zu unserem Leben. Eine Beurteilung von Menschen, Sachverhalten und Situationen. Wir realisieren, analysieren, bilden uns eine Meinung, reden über Fakten und Tatsachen. Dabei wird unsere Beurteilung nie völlig wertfrei sein. Jedoch erst wenn wir uns von Selbstgerechtigkeit, Kleinlichkeitsdenken und Überheblichkeiten frei machen, können wir miteinander sprechen und neue Wege zu einem Miteinander finden.

Einander annehmen heißt: Ein liebevolles Miteinander beim gegenseitigen Kennenlernen, Zuhören, Austauschen, Hinterfragen, Verstehenlernen und Ernstnehmen. Die Freiheit der Meinungsäußerung, auf Grund der persönlichen Überzeugungen, die wir mit unserem Gewissen vor Gott vertreten können, ist die gleiche Freiheit, die wir auch anderen zugestehen müssen. Diese Freiheit im Miteinander bleibt uns nur erhalten, wenn wir auch die Freiheit des anderen achten - ist ein positives gegenseitiges Annehmen erst möglich - können wir in Harmonie miteinander leben.

Paulus drückt dies sehr konsequent und resolut in Kapitel 14, Vers 4 aus: „Du bist nicht der Herr deines Nächsten. Mit welchem Recht willst du ihn also verurteilen? Er ist nicht dir verantwortlich, sondern Gott, und der ist stark genug, ihn vor falschen Wegen zu bewahren.“


Gedanken vom Hausbibelkreis Wrana, Lydia-Gemeinde


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