Wer dem Geringsten Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer, aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.

(Monatslosung für Juni 2003 aus Sprüche 14,31)

Sich des Armen (der Armen) erbarmen springt als Kernsatz direkt in unsere Augen. Und schon ereilt uns der Gedanke: „Dritte Welt“ – so viele Arme, Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt und Leid! Nachrich-ten, die wir in den Zeitungen umblättern oder im Fernsehen einfach aus- oder umschalten können. Augen zu und durch? Oder sind wir berührt, versuchen bei Spendenaufrufen unser Gewissen mit einem Obolus zu beruhigen, übernehmen vielleicht eine Patenschaft für Kinder in dieser Welt?

Doch müssen wir wirklich kilometerweit reisen, um Unterdrückung, Armut und Leid hautnah zu erleben?

Schauen wir uns unser Umfeld doch einmal etwas genauer an: Auch im Großraum Berlin gibt es Straßenkinder, Obdachlose, Alkoholiker und Drogensüchtige, Tippelbrüder, Kranke und behinderte Menschen; Menschen von denen wir behaupten, sie seien arm dran, denn ihre Behinderung – ihr Anderssein - fällt auf. Sie entsprechen nicht der Norm eines „guten Durchschnittbürgers“; sie werden niemals die gut situierten Geschäftsleute, Erfolgsmenschen oder Karrieretypen sein. Sind sie deshalb die „Loser“, die „Schwachen“ in unserer Gesellschaft?

Und wenn wir diesen Kreis noch enger schließen, unser Gesichtsfeld weiter eingrenzen; wir an Menschen denken, die uns täglich begegnen, mit denen wir Kontakt haben ..., erkennen wir ihre Bedürftigkeit, ihre Armut, ihren Kummer? Suchen wir ihre Nähe? Können wir die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens unseres Nächsten verstehen oder sind wir ganz schnell und leicht überfordert? Wie reagieren wir, wenn ein Mitmensch Hilfe benötigt? Gereizt, genervt, mit einem geistreichen Scherz, schulterzuckend, manipulierend oder aggressiv?

Sind wir bereit einzusteigen, zuzuhören, uns voll und ganz auf ein sehr persönliches Gespräch einzulassen, etwas von unseren Erfahrungen weiterzugeben oder weisen wir in unserer Überheblichkeit diese Menschen geradezu auf ihr vermeintliches Dilemma hin, indem wir beispielsweise zu professioneller Hilfe, dem schnellen Gang zum Psychiater raten? Sicher ein sehr einfacher und bequemer Weg, denn wir können die Probleme dieser Welt ja doch nicht lösen, vielleicht wollen wir uns aus Selbstschutz nicht tangieren lassen, oder sind zu feige einzugestehen, dass wir selbst keine Lösung finden können, selbst überfordert sind oder überhaupt nicht interessiert sind. Desinteresse zuzugeben, das können wir uns nicht eingestehen. Schlimmstenfalls zertrampeln wir selbst die Würde dieser Menschen, nutzen unsere Vorteile, beginnen selbst mit Ausbeutung und Übervorteilung, mißbrauchen unsere Macht und das in uns gesetzte Vertrauen in gnadenloser Rücksichtslosigkeit, reagieren mit Spott und Verachtung.

Doch einen Armen zu missachten, ist eine Sünde gegen Gott, denn er ist der Schöpfer aller Menschen. Es genügt nicht Unterdrückung und Ungerechtigkeit nur zu vermeiden. Selbst aktive Hilfe leisten, die über ein bloßes Mitgefühl und Mitleid hinausgeht, das ist hier gewollt, denn sogar das Fehlen unserer helfenden Hand wird laut Text sogar verurteilt.

Traurigen, hilfesuchenden Menschen zu helfen sind kleine Freundlichkeiten, zu denen sich jeder Mensch verpflichtet fühlen sollte. Es sind keine verdienstvollen Werke, bei denen wir uns Lorbeeren bei unseren Mitmenschen verdienen können, aber eine Investition, die Gott belohnen wird. Er segnet unsere Großzügigkeit mit seiner. Dennoch sollte dieser natürliche innere mitfühlende Impuls bei keinem Menschen verlorengehen, gleichwohl welche Religionszugehörigkeit wir besitzen, selbst als Atheisten sind wir zu mitmenschlichem Verhalten verpflichtet. Wie viel mehr wollen wir als Christen, die wir selber das Erbarmen Gottes erfahren haben, dieses Wort beherzigen, das wir auch im Neuen Testament in Matthäus 25,40 nachlesen können. Dort weist uns Jesus darauf hin: „Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“.


Gedanken vom Hausbibelkreis Wrana, Lydia-Gemeinde


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