Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.

(Monatslosung für Dezember 2004 aus Jesaja 61,10)

Die Losung der Herrnhuter Brudergemeine ist der Lutherbibel von 1984 entnommen. Als Vergleich zu dieser Übersetzung wurden die folgenden Bibelübersetzungen zusammengetragen. Kommen uns bei den verschiedenen Übersetzungen unterschiedliche Gedanken? Messen wir bestimmten Worten eine unterschiedliche Bedeutung zu? Gerade die Adventszeit - die stille Zeit des Jahres – sollte uns die Möglichkeit bieten, mehr Zeit für eigene Gedanken über das Wort Gottes zu entwickeln.

Aber vorab die folgenden Fragen:
Sind die Texte völlig identisch?
Sind Unterschiede, wenn vielleicht auch nur kleine, zu entdecken?
Gibt es eine Übersetzung, die mich besonders anspricht?

Aber nun zu den Übersetzungen des Losungstextes:

Aus der Schlachter Bibel:
Ich freue mich hoch am Herrn, und meine Seele frohlockt über meinen Gott; denn er hat mir Kleider des Heils angezogen, mit dem Rock der Gerechtigkeit mich bekleidet.

Aus der Revidierten Elberfelder Bibel:
Freuen, ja freuen will ich mich in dem Herrn! Jubeln soll meine Seele in meinem Gott! Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan.

Aus der Einheitsübersetzung:
Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit.

Aus Naftali Herz Tur-Sinai *):
Laut juble ich im Ewigen frohlockt die Seele mir in meinem Gott; dass er mich in des Heils Gewandung hat gekleidet mich mit des Rechtssiegs Mantel hat umhüllt.

Aus der Hoffnung für Alle:
Ich freue mich über den Herrn und juble laut über meinen Gott! Denn er hat mir seine Rettung und Hilfe geschenkt. Er hat mich damit bekleidet wie mit einem schützenden Mantel.

Ist in den einzelnen Übersetzungen eine unterschiedliche Nähe zu Gott zu empfinden? Worin liegt der Unterschied zwischen gekleidet, bekleidet, umhüllt und umgeben? Würde man diesen Vers des Propheten Jesaja mit eigenen Worten vielleicht ganz anders ausdrücken?

Ein mögliches Beispiel:
Herr, zu Dir kann ich aufsehen,
denn Du bist Der Ewige Gott, Der war, Der ist, Der sein wird.
Du bist mein persönlicher Gott, der mich ganz ausfüllt – ich bin Dein!
In Dir kann meine Seele fröhlich sein und jubeln, ich kann mich freuen,
singen und tanzen und so mein Lob an Dich ausdrücken.
Du kleidest und umhüllst mich mit den Gewändern des Heils und der Gerechtigkeit – in ihnen hast Du mich schön gemacht, mich erlöst und befreit.
Du hast sie mir umgetan, mich reich beschenkt.
Deine Rettung und Hilfe umschließen mich, wie eine zweite Haut – mir kann nichts Böses widerfahren.

Mit Metaphern und Gleichnissen umzugehen, entspricht nicht unserem Sprachgebrauch. Es fällt uns oftmals erheblich schwer, „des Pudels Kern“ zu treffen. Was für den einen simpel erscheint, ist für den anderen ein „Buch mit sieben Siegeln“. Die eigene Sichtweise entspricht nicht der unseres Nächsten.

Aber vielleicht liegt darin das Geheimnis der Bibel. Ein uraltes Buch – immer wieder aktuell. Wir können sie von Anfang bis zum Ende durchlesen und haben doch so manches Mal nicht den „blassesten Schimmer“ von dem, was dieses Buch uns sagen soll. Immer wieder neu erhalten wir beim Lesen Gedanken und Impulse und werden vom Heiligen Geist für unser Leben inspiriert. Einzelne Verse können unser Leben erhellen aber im Laufe unseres Lebens auch eine andere völlig neue Bedeutung bekommen.

Aber eigentlich geht es ja hier um die Kleidung. Wie wichtig sind uns Kleider heute?

Für jede Jahrszeit das passende Outfit – aber reichlich zum Wechseln und Kombinieren. Schließlich kann man nicht jeden Tag gleich aussehen. Kleider machen Leute. Die passende Tasche für jedes Paar Schuhe, Accessoires im Überfluss. Beim Empfang ist eher das „kleine Schwarze“ angesagt, in Jeans findet man keinen Applaus. Schlips oder Fliege sind Pflicht. Das Collier für die Dame, eine Rollex-Uhr für den Herrn. Doch die Kleider, die Jesaja meint, finden wir nicht auf dem Markt der Eitelkeit. Sie sind nicht für den Spiegel erdacht.

Im Lukasevangelium finden wir das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,22). Endlich zurückgekehrt, erhält der verloren geglaubte Sohn, das „schwarze Schaf“ der Familie, die Schuhe (Sandalen) der Freiheit und den Ring seiner ursprünglichen Macht zurück. Das beste Gewand ist gerade gut genug. Ganz unverdient beschenkt der Vater seinen Sohn im Zeichen der höchsten Festfreude.

Auch Gott will uns beschenken: Er schenkt Gerechtigkeit und Heil.

Im Alten Testament erhält der Mensch Gottes Gabe auf zwei unterschiedlichen Wegen:

1. Als Mantel und Kleider, die den Menschen ganz einhüllen, ihn schützen und von außen umgeben.

2. Von innen: Bei Menschen, die nach Gottes Maßstab leben, wirkt die Gerechtigkeit wie ein Same, der aufgegangen ist, weiter wächst und immer mehr Gestalt annimmt (Jesaja 61,11). Im Alten Testament ist Gott immer der Akteur. So bedeutet das Wort Heil (vom hebräischen hifil) so viel wie: Raum schaffen, befreien von Feinden, Sieg verleihen, helfen, erlösen, herausreißen, entkommen lassen, heilen. Die Gerechtigkeit ist ein Bund zwischen Gott und Menschen.

Im Neuen Testament schenkt Gott aus Gnade Gerechtigkeit und Heil. Das Wort Heil bedeutet hier die Rettung von Krankheit, von der Sünde, vor Feinden, aber vor allem vor dem ewigen Tod, dem Getrenntsein von Gott.

Durch den Glauben an Jesus erhalten wir Gottes Gerechtigkeit (Römer 3,22). Es gibt keine Sonderstellung. Da wir Menschen allesamt Sünder sind, wird auch allen die Rettung vor dem ewigen Tod unter denselben Bedingungen angeboten. Wenn Gottes Geist, wenn Christus in uns lebt, erlangen wir das Heil, die Rettung vor dem Tod (Römer 8,7-13).Wir erlangen einen neuen Status: Durch Gott sind wir Gerettete.

Vielleicht sollten wir uns das jeden Morgen neu bewusst machen. Lasst uns beim Anziehen sinnbildlich daran denken, auch Gottes Geist jeden Tag neu anzuziehen, um in Seiner Gerechtigkeit zu handeln und auch anderen das Heil zu bringen.
Gott ist mit uns, er ist ganz nah bei uns, darüber können wir uns von Herzen freuen, wie es auch am Anfang der Dezemberlosung heißt.

„Ich freue mich im Herrn,…“

weil Gott diese Welt liebt und nicht aufgibt. Er will, dass alle Menschen neue Zuversicht und neue Lebensfreude erhalten. Von dieser Freude sollen wir uns anstecken lassen. Freut euch, dass Jesus kommt. Jedes Jahr dürfen wir dieses Freudenfest neu begehen. Jedes Jahr seine Geburt, seinen Geburtstag feiern. Er hat uns viel zu sagen, freut euch auf Seine Botschaft, lasst sie uns immer wieder neu hören, besser verstehen und weitersagen. Gott will, dass wir unser Leben mit Ihm und nicht an Ihm vorbei leben. Er will, dass wir Ihn im Boot unseres Lebens mitnehmen und alle Stürme und erst recht alle ruhigen Zeiten unsres Lebens mit Ihm verleben.



*) Naftali Herz Tur Sinai lebte von 1886 bis 1973. Er war einer der besten Kenner der hebräischen Sprache und Professor an der Universität in Jerusalem. Während seiner Zeit als Dozent für die Wissenschaft in Berlin (1919-1933), entstand die erste Ausgabe seiner Bibelübersetzung. Nach eigener Aussage war es ihm wichtig, die Biblische Dichtung nicht zu verletzen, den Charakter des Grundtextes zu erfassen, die Schönheit der hebräischen Sprache hervorzuheben und Worte und Inhalte tiefer und genauer wiederzugeben.



Gedanken vom Hausbibelkreis Wrana, Lydia-Gemeinde


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