Gastfrei zu sein, vergesst nicht,
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

(Monatslosung für April 2005 aus Hebräer 13,2)

Wen heiße ich willkommen? Darf jeder x-Beliebige mein Heim, mein zu Hause betreten, dort, wo ich mich am Wohlsten fühle, meine Seele baumeln lassen kann, das Chaos manchmal überhand nimmt oder benehme ich mich eher zurückhaltend? Schließlich bin ich nicht der Besitzer einer Gastwirtschaft! Ist der nicht weggewischte Staub auf den Möbeln, das Chaos im Bad oder die herumliegenden Zeitschriften im Wohnzimmer ausschlaggebend, oder brauche ich einfach nur Zeit? Eine Phase des Kennenlernens, der Sympathie für eine noch fremde Person? Geben wir nicht schon unseren Kindern den Rat: „Lasst euch nicht von Fremden ansprechen!?“

Erst wenn wir Menschen „vermeintlich“ kennen und sie unsere Freunde nennen, dürfen sie uns im Schlamperpulli, zerrissenen Jeans und ganz ungeschminkt sehen. Der Überraschungsbesuch kann dann bestimmt zur Freude werden, denn inzwischen kennen wir ja auch die „Grauzonen“ unserer Gäste.

Wie behandeln wir aber Bettler an unserer Tür? Würden wir sie davonjagen? Vielleicht – denn durch Presse und Fernsehen werden wir über die Methoden derer aufgeklärt, die uns nur abzocken wollen. Wie können wir „ad hoc“ entscheiden, wer unsere Hilfe wirklich braucht? Oftmals handeln wir einfach emotional.

Sind euch die nachfolgenden Erlebnisse in ähnlicher Weise auch schon passiert?

Da klingelte ein junger Mann an unserer Tür und sagte: “Wir kennen uns, ich wohnte am Ende ihrer Straße, aber meine Eltern mussten unser Haus verkaufen. Ich war noch einmal drin, um meine letzten Habseligkeiten zusammenzusuchen, habe allerdings meine Fahrkarte dabei verloren. Jetzt möchte ich so schnell wie möglich zu meiner Familie fahren. Können sie mir das Geld für´s Ticket vorstrecken?“ Komisch war die Geschichte schon, aber ich kannte ihn vom Sehen, so gab ich ihm das Geld. Schon am nächsten Tag klingelte er erneut. Er stand pudelnass und etwas abgerissen vor meiner Tür. „Man hat mir das Geld geklaut, ich bin nicht nach Hause gekommen, aber ich zahle alles zurück, wenn sie mir noch einmal helfen!“ Ganz linkisch drückte er mir einen Zettel in die Hand. „Das ist die Summe, die ich ihnen bis jetzt schulde. Diesen Schuldschein habe ich sogar unterschrieben.“ „Alles Blödsinn, du siehst keine müde Mark mehr“, dachte ich bei mir, aber er tat mir leid und so bezahlte ich erneut seine Fahrkarte. Schon eine Woche später stand er mit einer jungen Frau vor unserer Tür. „Verzeihen sie mir, aber meine Freundin war schlechter dran als ich. Ich habe ihr alles gegeben, was ich hatte. Jetzt bin ich wieder blank. Ich komme ganz bestimmt zum letzten Mal als Bettler zu ihnen, denn ich werde alles zurückzahlen. Außerdem haben wir inzwischen eine gemeinsame Unterkunft, wir brauchen nur etwas Geld zur Überbrückung.“ Das geliehene Geld sah ich zunächst als Spende, doch dann bemerkte ich dunkle Augenringe, zitternde Gestalten. - Es viel mir schwer, aber diesmal habe ich „Nein“ gesagt! „So wie ihr ausseht, braucht ihr nicht meine finanzielle Hilfe, sondern den Drogenentzug. Tut es bald und schnell, sonst ist jede Hilfe umsonst!“ Haben meine harten Worte etwas bewirkt, oder war ich einfach nur überfordert und hätte ihnen besser helfen können?

Ein anderes Mal klingelte ein Mann Mitte 40 an unserer Tür. „Geld werden sie mir wohl bestimmt nicht geben – doch ich bin hungrig, weil ich meine Arbeit verloren habe. Helfen sie mir?“ Ich machte ihm unser letztes Brötchen zurecht - mehr Brot hatte ich nicht im Haus – aber er war froh und ging schnell kauend und dankend seiner Wege. War er der besagte Engel? Seinen Personalausweis habe ich nicht gesehen.

Zu Ostern (ich kann mich nicht mehr an das Jahr erinnern) klingelte eine Ausländerin an unserer Tür. Ganz frech rief sie mir entgegen: „Hey, es ist doch Ostern, Zeit für eure christlichen Geschenke.“ Im Zorn errötet sah ich ein kleines Kind im Buggy, wurde schnell schwach, schluckte ihre anmaßenden Worte und meinen Zorn hinunter. Ich gab ihr Süßigkeiten für das Kind und eine etwas zu große, abgelegte Kleinkindjacke von unserem Jüngsten. „Ich wollte eine Geldspende“, schrie sie laut, „damit kann ich doch nichts anfangen!“ „Vielleicht haben sie Ostern mit Weihnachten verwechselt“, brüllte ich zurück, „verhökern sie die Jacke und lassen sie sich nie wieder bei mir blicken!“ Beim Zuschlagen der Tür schämte ich mich für meine Worte – aber wie geht man im täglichen Leben mit den Attacken auf die Nächstenliebe um?

Würden wir eine dieser fünf Personen als Gast gerne bei uns aufnehmen?

Allein die Gefahr in Gesellschaft von Dämonen oder Irrlehrern zu geraten, gab den frühen Christen das Recht, die Gastfreundschaft zu verweigern (2.Johannes 10-11).

Im Hebräerbrief (6,10) erfahren wir, dass die Gemeinde in der zurückliegenden Zeit Mitchristen gegenüber freundlich und hilfsbereit war, durch unseren Losungsvers erhält sie jetzt eine letzte Ermahnung, eine Art moralische Anweisung, sich in der brüderlichen Liebe weiter zu bewähren und auch offen und gastfrei gegenüber Fremden zu sein.

Beim Lesen des Monatslosungstextes, fällt uns ganz bestimmt eine Geschichte aus dem Alten Testament ein: Abraham bekam Besuch von drei ihm unbekannten Männern und lud sie sofort zum Verbleiben ein. Eilig wurde Wasser geholt zur Waschung der Füße. Ihnen wurde ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen angeboten, während bereits Brotfladen vom feinsten Mehl gebacken wurden. Abraham selbst wählte ein zartes, prächtiges Kalb für das Festmahl aus; Sauerrahm und Milch als Getränke. Abraham hatte keine Ahnung, wen er da gerade bewirtete. Vielleicht hatten die Männer ein unscheinbares Auftreten? Auf keinen Fall sah man ihnen ihre Heiligkeit an. Erst als er erfuhr, dass sie in einem Jahr wieder kommen würden und seine Frau Sara dann einen Sohn bekommen hätte, wurde ihm klar, dass der Herr zu ihm sprach (1. Mose 18, 1-14).

Würden wir uns für Freunde oder gar für Fremde auch so ins Zeug legen? Gastfrei zu sein, wie wichtig ist uns das heute noch?

Hören wir nicht immer wieder diese Worte: Gäste einzuladen, da ist ein Großeinkauf nötig. Im Moment bin ich nicht flüssig genug. Die Arbeit beim Zubereiten der Mahlzeit - der Stress - wird´s auch schmecken und ausreichen - ist im Moment zu viel für mich. Eigentlich habe ich auch gar keine freie Zeit für Gäste.

Nun, nicht jede Zusammenkunft muss unweigerlich zur „Bauernhochzeit“ ausarten; wir kennen doch diesen Reim: „Fünf waren geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß´ jeden willkommen.“ Ein bescheidenes Essen oder auch nur ein erfrischendes Getränk, ob heiß oder kalt, sollte unsere Möglichkeiten nicht überschreiten!

In biblischen Zeiten war beim regen, zwischengemeindlichen Botenverkehr die Aufnahme reisender Brüder zu einem wichtigen Dienst geworden. Eine wichtige Voraussetzung für die Mission, war die Gemeinschaft untereinander, die Zusammenkünfte fanden dann in Privathäusern statt. Gastgeber werden in der Bibel sogar namentlich genannt: Lydia in Philippi (Apg 16,14-15), Aquila und Priscilla in Korinth (Apg 18,1-3), Gajus in Rom (Römer 16,23); es gibt sogar eine ganze Liste von vertrauenswürdigen Personen (Römer 16, 1-15), bei denen man ohne Vorbehalt einkehren durfte. Wem die Verantwortung für die Gemeinde übertragen werden sollte, sollte unter anderem gastfreundlich sein (1.Timotheus 3,2).

Der Gast wird dem, der ihn aufnimmt, nicht nur zum Nächsten, sondern im Gast ist Christus in gewisser Weise präsent.

Während sich die Verse von Markus 9,37 und Matthäus 10,40-42 nur auf die gastliche Aufnahme von Jüngern bezieht, wird die Gastfreundschaft in Matthäus 25,31-46 auf jeden Menschen ausgedehnt und findet ihren Lohn . Hier sagt uns Jesus recht eindeutig, nach welchen Kriterien er uns Menschen als Richter beurteilen wird. Er sagt: „Ich war in Not (hatte Hunger, Durst, war ein Fremder unter euch, hatte keine Kleidung, war krank und gefangen) ihr habt mir (nicht) geholfen . Das, was ihr an anderen Menschen (nicht) versäumt habt, habt ihr auch für mich (nicht) getan .“

Die einen werden dann vielleicht sagen: „Es war doch selbstverständlich, dass ich anderen Menschen geholfen habe, es ist doch kein großer Verdienst; eigentlich kann ich mich nicht daran erinnern, dem Herrn so unmittelbar gedient zu haben.“ Das sind die Gesegneten, die in das Reich, das Gott von Anbeginn der Welt für sie bereitet hat, eingehen.

Die anderen werden vielleicht sagen: „Herr, wenn wir gewusst hätten, dass diese Hilfe dir galt, dann hätten wir es gern getan.“

Jetzt wissen es alle und können entsprechend handeln!

Helft ohne Hintergedanken, fangt im Kleinen an (bei euch vertrauten Menschen) und denkt daran: Ein Glaube ohne Werke ist tot!





Gedanken vom Hausbibelkreis Wrana, Lydia-Gemeinde


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