„Vater, vergib ihnen ihre Schuld,
denn sie wissen nicht, was sie tun."

Predigt zum Karfreitag
am 6. April 2007

von Thomas Wrana


Ich habe mich in diesem Jahr nicht deswegen für die Textlesung der Passionsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium entschieden, weil wir in den letzten Jahren die Berichte des Matthäus und Johannes gehört haben, sondern weil Lukas von einer Begebenheit berichtet, die wir in den anderen Evangelien so nicht vorfinden und die, so denke ich, sehr viel über die Gnade des Herrn aussagt.

Ihr erinnert euch:
Jesus wird nach den Verhören, der Geißelung und Verurteilung nach Golgatha geführt und gekreuzigt. Die römischen Soldaten, die Vertreter der damaligen Weltmacht Rom, stellen das Kreuz auf und bewachen den Gekreuzigten und die beiden Verbrecher, die mit Jesus zusammen gekreuzigt worden sind. Und dann heißt es in Lk 23,34:

Aber Jesus betete: „Vater, vergib ihnen ihre Schuld, denn sie wissen nicht, was sie tun. ............“

Von diesem Satz aus dem Munde Jesu berichtet nur Lukas.

Vater, vergib ihnen ihre Schuld..........!

Ausschließlich Lukas beschreibt also die Situation, die wir wirklich ganz an uns heran lassen müssen. Jesus befindet sich
- in der Zeit Seiner größten Not,
- in einer Zeit, in der Er unbeschreibbare Schmerzen ertragen mußte,
- in der Er die Sünden der Welt auf sich genommen hat und
- in der Er deshalb von Gott, Seinem Vater, allein gelassen wurde.

Und dann bittet der einzige Mensch, der jemals ohne Sünde war, dennoch kurz vor Seinem Tod Seinen Vater, dieser möge doch denen vergeben, die sich an Ihm, dem Menschensohn, so sehr schuldig gemacht haben.

Dieser Bitte folgt im zweiten Halbsatz sofort die Begründung:

„...., denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Nun, die römischen Soldaten, die die Gekreuzigten bewachten, waren sicherlich keine Deppen, die nun mal das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Sie waren Soldaten, Männer, die es gelernt hatten, Befehlen zu gehorchen und diese auch auszuführen. Dafür bekamen sie ihren Sold. Das war ihr Dienst. Sie fragten sicherlich nicht viel, sondern taten das, was von ihnen verlangt wurde. Soldaten, die jeden Befehl hinter fragten, waren und sind für ihre Befehlshaber keine guten Soldaten. Soldaten, die jeden Befehl kritisch zur Kenntnis nehmen und darüber vielleicht noch mit ihrem Vorgesetzten diskutieren wollen, sind für eine Armee nicht tragbar, denn sie könnten theoretisch ihre Einheit im Ernstfall sogar in Gefahr bringen.

Aber dennoch waren Männer unter ihnen, die sich in ihrem Innersten doch darüber Gedanken gemacht haben, warum dieser Wanderprediger aus Nazareth am Kreuz sterben mußte. Wir können aber unterstellen, dass sie sich der eigentlichen Tragweite der ganzen Geschehnisse nicht bewußt waren. Für sie war Dienst nun mal Dienst.

In soweit ist dieser zweite Halbsatz, den Jesu Seiner Bitte an den Vater anschloß, nicht von weit hergeholt:

„...., denn sie wissen nicht was sie tun.“

Aber wie ist es bei uns? Wissen wir eigentlich immer, was wir tun? Sind wir uns immer der Tragweite unseres Handelns bewußt? Die Antwort ist, so glaube ich, ganz einfach und lautet ganz klar “Nein“, ohne wenn und aber.

Wir wissen oftmals nicht, dass wir uns sowohl gegenüber Gott als auch unserem Mitmenschen versündigen. Sicherlich gibt es Situationen in unserem alltäglichen Leben, in denen wir vor Entscheidungen stehen, die wir ganz bewußt gegen oder für Gott fällen können. Aber wie oft kommt dies in den 24 Stunden eines Tages wirklich vor? Ist es nicht so, dass die überwiegende Zahl der Entscheidungen, und damit meine ich nicht die großen, weltbewegenden Entscheidungen, sondern die kleinen, die man vielleicht gar nicht als solche bemerkt, dass die überwiegenden Entscheidungen des Alltages teilweise sogar fast unbewußt getroffen werden. Entscheidungen, die ich gegenüber meinen Mitmenschen fälle, die aber in Wirklichkeit gegen Gott gerichtet sind. Mache ich mir während eines Gespräches stets Gedanken darüber, wie der nächste Satz bei meinem Gegenüber ankommt? Wäge ich immer ab, welche Reaktionen bei meinem Mitmenschen entstehen könnten, wenn ich mich in einer bestimmten Situation so oder so verhalte? Ich denke, dies tun wir vielleicht in einigen wenigen Situationen, meinetwegen z.B. in einem Gespräch mit dem Chef, bei dem es um einen höher dotierten Posten geht, aber im Normalfall nehmen wir darauf keine Rücksicht. Im Normalfall gilt der Satz“...., denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Aber dieses Gebet Jesu war nicht nur für die Soldaten bestimmt, sondern auch für die, die meinten, dass sie wüßten, was sie tun und sich im Recht wähnten, nämlich für die Hohepriester und das gesamte Volk. Genauso wie sie, meinen auch wir oftmals den totalen Durchblick und die jeweilige Situation fest im Griff zu haben. Genauso wie sie, sind wir geprägt durch unsere Erziehung und eingebettet in Traditionen, die dazu führen, dass wir Entscheidungen treffen, von denen wir zwar meinen, dass wir ihre Richtigkeit und die daraus sich entwickelnden Konsequenzen überblicken könnten, dies aber in Wirklichkeit gar nicht tun. Ist es nicht eher so, dass wir uns im Ausguck des Schiffs unseres Lebens befinden und meinen dort den Überblick zu haben, jedoch gar nicht bemerken, dass dieses Schiff durch eine dichte Nebelwand fährt?

Ich denke, dieser Satz „Vater, vergib ihnen ihre Schuld, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ ist auch für uns heutige Christen bestimmt und damit eine der wichtigsten Aussagen Jesu, die zwischen Seiner Gefangennahme und Seinem Tod überliefert wurden.

Diese an den Vater gerichtete Bitte Jesu, zeigt uns ein ganz besonderes Wesensmerkmal Jesu. Nämlich Seine wunderbare Liebe zu uns Menschen. Jesus Christus ist die personifizierte Liebe Gottes. Diese Liebe des allmächtigen Gottes zeigt sich nicht nur dadurch,
- dass Er uns nach Seinem Ratschluß geschaffen hat
- dass Er uns als Seine Kinder gewollt hat,
- dass Er für uns Sorge trägt,
- dass Er uns annimmt und wir uns an Ihn wenden können,
nein, diese Liebe Gottes zeigt sich insbesondere darin, dass Gott uns unsere Sünden vergibt.

Das Merkmal von Sünde besteht immer in der Abkehr von Gott. Genau das, was Gott sich von mir erwünscht, nämlich dass Er und ich miteinander Gemeinschaft haben, wird durch die Sünde zerstört. Sünde bringt Distanz zwischen dem Menschen und Gott mit sich. Und trotzdem ist Seine Liebe so groß, dass Er mir immer wieder auf’s Neue eine Chance gibt. In der Apg 26,18 wird berichtet, wie Paulus von seiner Begengung mit Jesus vor den Toren von Damaskus erzählt und ihm Jesus da gesagt hatte:

"Ihnen sollst du die Augen öffnen, damit sie sich von der Finsternis dem Licht zuwenden und aus der Herrschaft des Teufels zu Gott kommen. Dann werde ich ihnen die Sünden vergeben, und als die Auserwählten Gottes werden sie durch den Glauben an mich in sein Reich aufgenommen." (Apg 26,18)

Wenn wir uns dem Licht, dem Licht Gottes, zu wenden, wenn wir Abschied nehmen von der Finsternis der Sünde, wenn wir umkehren und uns zu Gott hin ausrichten, dann wird Er uns unsere Sünden vergeben. Aber nicht nur dies, sondern hieraus folgt, dass wir durch unseren Glauben an Gott zu den Auserwählten Gottes gehören und in Sein Reich kommen werden. Durch die Hinwendung zu Gott erhalten wir die volle Gnade Gottes verheißen.

Im Brief an die Epheser schreibt Paulus:

"Denn durch das Sterben Jesu am Kreuz sind wir erlöst, sind unsere Sünden vergeben. Und das verdanken wir allein Gottes unermeßlich großer Gnade, mit der er uns so reich beschenkt hat." (Eph 1,7)

Diese unermeßlich große Gnade Gottes ist gleichbedeutend mit Seiner Liebe, die Er uns gegenüber zeigt. Aus der Liebe zu uns Menschen folgt seine Gnade. Ohne Seine Liebe ist Seine Gnade nicht möglich und ohne Seine Gnade können wir nicht lieben.

Aus der Liebe Gottes zu uns, die ihren Zenit in der Vergebung unserer Sünden findet, stellt sich natürlich auch die Frage, nach den daraus folgenden Konsequenzen für unser Leben in Bezug auf unsere Mitmenschen. Wenn Gott uns so sehr liebt, dass Er uns, wenn wir zu Ihm kommen, unsere Sünden vergibt, sind dann noch irgendwelche weiteren Voraussetzungen für unser Heil zu erfüllen?

Wir finden in der Heiligen Schrift zu dieser Frage ganz schnell eine Antwort. In Mt 6,14 lesen wir: „Euer Vater im Himmel wird euch vergeben, wenn ihr den Menschen vergebt, die euch Unrecht getan haben. Wenn ihr ihnen aber nicht vergeben wollt, dann wird euch Gott eure Schuld auch nicht vergeben.“

Das ist eine ganz klare Antwort auf die Frage, ob ausschließlich die Hinwendung zu Gott ausreicht oder nicht. Man könnte meinen, das meine Beziehung zu Gott, meine Hinwendung zu Ihm als Voraussetzung der Sündenvergebung ausreicht und nichts mit meiner Beziehung zu meinem Mitmenschen zu tun hat. Aber diese Ansicht ist, wie wir gehört haben, falsch und auch unlogisch.

Logisch ist vielmehr, dass die Hinwendung zu Gott immer auch Konsequenzen im Hinblick auf unsere Mitmenschen mit sich bringen müssen. Der Christ kann nicht in seinem Glauben leben, ohne dass reale Auswirkungen und Veränderungen auf sein irdisches Leben entstehen. Und somit ergibt sich für den Christen aus der Hinwendung zu Gott und seiner Nachfolge Jesu die logische Schlussfolgerung, dass die Liebe Gottes auch das Wesen des Christen verändern muß. Dies wiederum muß zwangsläufig dazu führen, dass die Vergebung von Schuld des Mitmenschen möglich wird.

Ich denke, wir haben alle mehr oder weniger ein großes Problem, anderen Menschen deren Schuld zu vergeben. Es ist nicht leicht, anderen die Dinge zu vergeben, die uns so wahnsinnig geärgert haben, die uns vielleicht unheimlich enttäuscht haben, die uns vielleicht sogar selbst aus dem bestehenden Ärger heraus veranlasst haben, uns von Gott durch eigene Sünden weg zu bewegen. All diese Geschehnisse schmerzen. Sie reißen Wunden auf, die scheinbar nur sehr schwer verheilen wollen. Ich denke auch, dass wir als Menschen gar nicht in der Lage sind, diese Wunden selbst zu behandeln. Wir benötigen hierzu vielmehr ärztlichen Beistand. In diesen Fällen einen seelischen Beistand.

Dieser seelische Beistand wird uns durch Gott gegeben. Durch Seine Gnade, die Er uns in Seiner Liebe schenkt, erhalten wir die Salbe, die die Wunde schließen kann, die die erhitzten Gemüter kühlt und die uns zu einem Verzeihen veranlassen kann. Erst durch Ihn ist es uns möglich tatsächlich der Forderung Jesu nachzukommen, die wir in Mt 18,22 auf die Frage des Petrus nach der Anzahl des Vergebens erhalten haben:

"Nein", antwortete Jesus. "Nicht nur siebenmal. Es gibt gar keine Grenze. Du mußt bereit sein, ihm immer wieder zu vergeben."

Entscheidend ist, ob wir vergeben wollen. Wenn das Wollen im Vordergrund steht, dann wird Gottes Gnade das seine dazu tun.

"Wenn ihr ihnen aber nicht vergeben wollt, dann wird euch Gott eure Schuld auch nicht vergeben.“, sagte Jesus.

Welche weiteren Konsequenzen sich daraus im Miteinander ergeben, kommt sicherlich auf den Einzelfall an. Je nach dem wie die Beziehung belastet war, wird sich das weitere Miteinander regeln lassen. Um es jedoch erst gar nicht soweit kommen zu lassen, dass man sich mit dem Nächsten überwirft und mit ihm überhaupt nicht mehr auskommt, sollte man die Worte des Apostels Paulus beherzigen, die er nicht nur an die Eheleute und Familien in Ephesus schrieb:

Wenn ihr zornig seid, dann macht es nicht noch schlimmer, indem ihr unversöhnlich bleibt. Laßt die Sonne nicht untergehen, ohne daß ihr euch vergeben habt. (Eph 4,26)

Wie wir gesehen haben, ist die Vergebung von Schuld eine Angelegenheit, von der zwei Linien betroffen sind. Zum einen die vertikale, die die Beziehung zwischen mir und Gott kennzeichnet und die horizontale Linie, die zwischen mir und meinem Mitmenschen besteht. Genau dieses macht auch der Satz Jesu
„Vater, vergib ihnen ihre Schuld, denn sie wissen nicht, was sie tun. ............“
deutlich.

Durch Seine Bitte um die Vergebung der Schuld derer, die um das Kreuz herumstanden, zeigte Er, dass Er diesen, Seinen Peinigern, vergeben hatte. Diese Voraussetzung der Sündenvergebung war erfüllt. Der Gekreuzigte, gegen den die Menschen gesündigt hatten, gab zum Ausdruck, dass Er ihnen vergeben hatte. Durch Seinen Tod hat Jesus diese Bitte auch für die Menschen an Gott heran getragen, die sowohl vor Ihm lebten als auch für die, die nach Ihm kamen, also für uns. Für uns stellt sich nur die Frage, ob wir dieses Geschenk der Sündenvergebung annehmen wollen oder nicht. Wollen wir es nicht, so können wir uns zurücklehnen und uns unserem Groll gegen den anderen hingeben. Wir können schmollen oder aber das Messer in der Tasche aufklappen. Wollen wir dieses Geschenk jedoch annehmen, so müssen wir mit der Gnade Gottes innerlich auf den anderen zugehen und ihm vergeben wollen. Markus schreibt dazu:

"Wenn ihr ihnen aber nicht vergeben wollt, dann wird euch Gott eure Schuld auch nicht vergeben." (Mk 11,26)

Und Lukas sagt es mit folgenden Worten:

"Richtet nicht über andere, dann wird Gott auch nicht über euch richten! Verurteilt keinen Menschen, dann wird Gott euch auch nicht verurteilen! Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird Gott auch euch vergeben." (Lk 6,37)

Paulus ergänzt dies in seinem Brief an die Korinther durch eine Aufruf, in dem er auf das Übel hinweist:

Streitet nicht miteinander, und seid bereit, einander zu vergeben, selbst wenn ihr glaubt, im Recht zu sein. Denn auch Christus hat euch vergeben. (Kol 3,13)

Christus hat uns vergeben, obwohl Er im Recht war und nicht wir. Gott hat in Seinem Sohn der Welt Seine große Liebe gezeigt, deren Ausmaß wir gar nicht richtig begreifen. Dies ist das eigentliche Resumee aus dem Leiden und Sterben des Sohnes Gottes. Und auch die Liebe, die nicht nur durch die Kreuzigung sondern durch Seine Worte am Kreuz uns erreicht, sollte uns nachdenklich stimmen. Nachdenklich in Bezug auf unsere Beziehung zu dem Gekreuzigten und in Bezug auf unseren Nächsten in der Familie, der Gemeinde, der Nachbarschaft und überall dort, wo wir mit Menschen zusammenkommen. Gott hat uns einen Auftrag gegeben, nämlich dass wir einander lieben sollen, so wie Er uns geliebt hat und so wie wir uns selbst lieben sollen.

Darin eingeschlossen ist auch der Auftrag nach der Vergebung von Schuld. Schuld, die uns durch andere widerfahren ist und Schuld, die wir uns selbst zugefügt haben. Hilfe hierfür erhalten wir durch unseren Herrn Jesus Christus. Gott selbst steht uns bei.

Wenn wir diesen Weg gehen, können wir gewiß sein, dass auch wir zu den Auserwählten Gottes gehören, deren Sünden vergeben werden und die durch den Glauben an Gott in sein Reich aufgenommen werden.

Amen.







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