„Kein Mangel“

Predigtreihe zu Psalm 23
am 1. Oktober 2006

Erntedankfest 2006

von Pastor Thomas Vollenweider




Der gute Hirte

"Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er bweidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und dschenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und eich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar." (Psalm 23,1-6)

Heute ist der Beginn einer neuen Predigtserie über den Psalm 23, mit dem wir uns die nächsten Sonntag beschäftigen wollen.

Wir nehmen uns die ersten beiden Verse vor, die so wunder passen zu diesem Erntedanksonntag:

"Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser" (Luther 84)

Bruns übersetzt so:

"Der Herr ist mein Hirte. Mir fehlt nichts. Er lässt mich lagern auf grüner Rasenfläche, er führt mich zum Ruheplatz am Wasser."

Das ist eine unglaublich starke Aussage von einem Mann, der weiß, wovon er spricht! Von David, der selber Hirte war und mit Bären und Löwen gekämpft hatte und erst nach einem langen und steinigen Weg es bis zum König in Jerusalem gebracht hatte!

Es ist nicht der fromme Wunsch eines Anfängers, der keine Ahnung vom Leben hat, sondern die tiefe Erkenntnis und Überzeugung eines geläuterten Kämpfers im Glauben, der mit Seinem Gott durch Dick und Dünn gegangen ist! Es ist sein Glaubensbekenntnis!



Der HERR ist mein Hirte.

Damals war es üblich, dass die Herrscher sich als Hirten ihres Volkes bezeichnet hatten. David aber bekennt: Yahwe ist mein Hirte! Yehova ist mein Versorger!

Auch an anderen Stellen im AT wird Gott selber als fürsorgender Hirte beschrieben:
Er sorgt für sein Volk wie ein guter Hirte. Die Lämmer nimmt er auf den Arm und hüllt sie schützend in seinen Umhang. Die Mutterschafe führt er behutsam ihren Weg. (Jes 40,11)

Und auch wir tun gut daran, in Gott unseren Versorger zu sehen, in Jesus unseren guten Hirten, der für uns sorgt!

• Nicht im Staat oder im Arbeitgeber
• Nicht im Bankkonto oder in der Lebensversicherung!

Unsere Sicherheit, unsere Ausrichtung, unsere Geborgenheit ist in unserem Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist.

"Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte setzt sein Leben für die Schafe ein. Ich aber bin der gute Hirte und kenne meine Schafe, und sie kennen mich; genauso wie mich mein Vater kennt und ich den Vater kenne. Ich gebe mein Leben für die Schafe." (Joh 10,11)



Mir wird nichts mangeln.

Manche übersetzen hier: „Mir mangelt nichts“. Warum? Das Hebräische kennt keine besondere grammatikalische Form, um den Unterschied von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auszudrücken. Es gibt lediglich Ausdrücke für eine schon abgeschlossene Handlung (Perfekt) und eine noch währende, nicht vollendete Handlung (Imperfekt).

Der Psalmist kann hier aus vollem Herzen bekennen: „Mir hat es nie gemangelt“ „Mir mangelt es an nichts“ und „Mir wird nichts mangeln“ – Denn der Herr ist mein Hirte!

! Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel. Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgend einem Gut. (Psalm 34,10-11)

„KEIN MANGEL!“

so habe ich diese Predigt überschrieben! Ist das nicht etwas hoch gegriffen? „keinen Mangel an irgend einem Gut“!?!

Jesus hat die Jünger einmal gefragt: „Wie ist es euch ergangen, als ich euch ohne Geld, Brotbeutel und Sandalen aussandte? Habt ihr je Mangel gehabt?“ Sie antworteten: „Nein!“ oder wie Luther übersetzt: „Niemals“.

Wer bedingungslos Jesus nachfolgt, Gott als Vater und Jesus als Hirten seines Lebens anerkennt, der hat alles, was er zum Leben braucht. Es wird ihm an nichts fehlen! Er wird kein Mangel leiden müssen.

Heißt das, dass die Jünger keine Entbehrungen und Opfer auf sich nehmen mussten? Nein, ganz bestimmt nicht! Aber sie haben es nie als Mangel empfunden! Die Gute Nachricht übersetzt: „Darum leide ich keine Not“ und die Hoffnung für Alle „Nichts wird mir fehlen“. Natürlich waren auch die Jünger mit solchen und weiteren Problemen konfrontiert:

- Kein Partner/Ehelosigkeit
- Kein fester Wohnsitz
- Keine materielle Sicherheit
- Unzähligen Gefahren ausgesetzt
- Arm und abhängig/hilfsbedürftig

Wir lernen mit unerfüllten Wünschen leben und dennoch keinen Mangel leiden! Selbst in schweren Zeiten aus Gottes Überfluss leben – das ist das Geheimnis Gottes, das David für sich entdeckt hatte!



Er weidet mich auf einer grünen Aue.

Rudolf Kittel, der Alttestamentler, hat 1915 die Psalmen neu übersetzt und erklärt und im Kommentar zum Alten Testament in Leipzig herausgegeben. Er schreibt darin:

„Weide und Rastplatz ist im heiligen Land of genug nicht beisammen. Es bedarf oft langen Suchens und Wanderns, bis eine grüne, reichlich saftiges Futter bietende Aue gefunden ist. Sind die Schafe gesättigt, so muss Tränke und Rastplatz – oft abermals in weiter Entfernung – gesucht werden. Daher heißen die Wasser solche der __________ der Ruhe, d.h. solche, an denen man behaglich rasten kann. Dann erst tritt die richtige Erquickung (________) ein. Und um sie zu gewinnen, durch Speise, Trank und Rast, bedarf es eines wegekundigen, die Herde auf richtigen „Geleisen“ führenden Hirten.“ (S. 97)

Der Prophet Hesekiel beschreibt das auf wunderbare Weise:

"So spricht Gott, der Herr: «Von nun an will ich mich selbst um meine Schafe kümmern und für sie sorgen. Wie ein Hirte seine Herde zusammenbringt, die sich in alle Richtungen zerstreut hat, so werde auch ich meine Schafe wieder sammeln. Von überallher hole ich sie zurück, von allen Orten, wohin sie an jenem dunklen, schrecklichen Tag vertrieben wurden. Aus fremden Völkern und Ländern führe ich sie heraus und bringe sie wieder in ihr Land. Dort lasse ich sie weiden, in den Bergen, an den Flüssen und in den Tälern. Ja, ich gebe ihnen gute und saftige Weideplätze in den Bergen Israels. Ich selbst werde ihr Hirte sein, damit sie in Ruhe und Sicherheit leben können. Das verspreche ich, der Herr." (Hesekiel 34,11-15)



... und führet mich zum frischen Wasser.

Calvin sagt dazu: „Den Schafen wären dahinrauschende Gewässer nicht bequem zum Trinken, dazu auch noch gefährlich.“

Der Hirt sorgt für die rechten Lebensbedingungen und passt auf seine Schafe auf. Er führt sie, auch auf schmalen, gefährlichen Pfaden sicher ans Ziel. So ist unser Gott!!!

Von den Erlösten Gottes, die aus der Verfolgung kommen, lesen wir im Buch der Offenbarung:

"Deshalb stehen sie hier vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Gott selbst wird sie beschützen! Sie werden nie wieder Hunger oder Durst leiden; keine Sonnenglut oder sonst etwas wird sie jemals wieder quälen. Denn das Lamm, das vor dem Thron steht, wird ihr Hirte sein. Es wird sie zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens entspringt. Und Gott wird ihnen alle Tränen von ihren Augen abwischen!" (Offenbarung 7,15-17)

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser (Luther 84)

Dieses wunderbare Gleichnis gilt für unser ganzes Menschsein, Geist, Seele und Leib! Wer in Jesus seinen Herrn und Hirten gefunden hat, der wird in seinem Leben auf saftige Wiesen geführt, wo er Nahrung findet für die Seele und für den Geist – „Er erquicket meine Seele“ - und zu immer neuen frischen Quellen, aus denen er trinken kann, um seinen Durst zu stillen.

Geistliche Nahrung aus dem Wort Gottes und dem Gebet sowie seelische Speise durch Freundschaft, Gemeinschaft, Natur und Kultur sind genauso wichtig für unser Wohlergehen wie unser tägliches Brot. Denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“

David, der selber Hirte war, wusste wovon er sprach, als er dieses Lied aufschrieb, das so berühmt wurde in der menschlichen Dichtung! Er hat als Hirtenjunge die wilden Tiere abgewehrt, hat um das Leben seiner kostbaren Schafe gekämpft. Er hat auch selber genügend Tiefen durchlebt, Zeiten, in denen er auf einen himmlischen Hirten angewiesen war, auf jemanden, der zu ihm steht, der ihm nachgeht und ihn führt. Nach jahrelanger Flucht kommt er erst auf den Königsthron und kann jetzt dieses gewaltige Zeugnis ablegen.

Wie steht es mit uns? Mit dir und mit mir? Können wir das heute bezeugen?
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Heute ist Erntedank! Gibt es einen schöneren Anlass als diesen, um dieses Bündnis festzumachen? Und Ihm von Herzen dafür zu danken?

AMEN.







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