„Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“

Predigt zum Karfreitag
am 25. März 2005

von Thomas Wrana



Zu Beginn des Johannes-Evangeliums lesen wir diesen Satz:


„Siehe das Lamm Gottes, dass die Sünde der Welt wegnimmt.“ (Joh. 1,29)



Als Johannes der Täufer mit anderen zusammen stand und Jesus auf sich zu kommen sah, sagte er diesen Satz. Ob dieser Satz bei denen, die um ihn herumgestanden haben, Unverständnis hervorgerufen hat, wird uns nicht berichtet. Jedoch heißt es, dass. einen Tag später Jesus wieder mit Johannes zusammentrifft und dieser wiederum sagt: „Siehe das Lamm Gottes.“. Daraufhin folgten zwei der Jünger des Johannes Jesus. Einer von ihnen war Andreas, der Bruder eines gewissen Simon Petrus.

Mit diesen Worten verband sich eine wichtige Botschaft. Johannes sagte nicht beiläufig: „Ach da kommt das Lamm Gottes, ....“ oder „Jesus ist das Lamm Gottes,. ...“ sondern er sagte: „Siehe das Lamm Gottes, ...“. Mit dieser Aussage, die Jesus als Opferlamm charakterisiert, forderte Johannes seine Zuhörer auch auf, auf diesen Jesus zu sehen. Es reichte Johannes nicht aus, dass alle wissen, dass Jesus „Das Lamm Gottes“ ist, sondern sie sollten Ihn sich ansehen. Sie sollten Ihn auch optisch wahrnehmen. Seine äußere Erscheinung sollte sich in ihrem Gedächtnis verankern. Sie sollten Ihn nicht vergessen dürfen.

Gott hat uns Menschen mit verschiedenen Sinnen ausgestattet. Wir können sehen, hören, tasten, schmecken und riechen. Mit diesen Sinnen nehmen wir im Alltag Dinge um uns herum wahr. So konnte festgestellt werden, dass der Mensch von dem, was er hört, 25 % behält. Von dem was er sieht, kann er sich immerhin 30 % behalten. Sieht und hört der Mensch etwas, so liegt das Erinnerungsvermögen bereits bei 50 %. Man erinnert sich nur noch besser an etwas, wenn man Dinge nicht nur sieht und hört sondern sie auch wiedergibt bzw. selber tut.

Johannes will, dass wir Jesus in unserem Leben wahrnehmen. Wir sollen Jesus mit unseren Sinnen, die uns gegeben sind, kennen lernen. Dazu gehört das Gucken. Johannes fordert seine Zuhörer auf: „Sieh doch nur! Schau doch auf diesen Menschen Jesus !“ Aber auch das Hören und Fühlen ist hier von Bedeutung. Wir sollen auf Jesus schauen, auf Ihn hören und unsere Herzen öffnen, damit wir Ihn fühlen können. Auch wenn wir in unserer Gemeinde kein Kreuz haben, dass den Corpus Christi zeigt, so können wir uns doch vor unserem geistigen Auge vorstellen, wie Jesus am Kreuz hing. Auch wenn wir Ihn nicht ertasten können, so können wir doch ein inneres Gefühl für Ihn bekommen. Wir können durch unsere Sinne Jesus erfahren. Ihn in uns aufnehmen und Teil unseres Seins werden lassen. Johannes fordert uns hierzu unmissverständlich auf.

Jahre später ist dieser Jesus von Nazareth in Israel wohl bekannt gewesen. Die einen liebten Ihn, die anderen lehnten Ihn ab. Einige trachteten Ihm sogar nach Seinem Leben. Von der Person, die den Menschen durch Worte und Werke soviel Gutes getan hatte, ist ein Mensch geworden, der sich seiner Haut nicht mehr sicher sein konnte. Er mußte nicht nur einmal vor seinen Verfolgern fliehen. Er sollte getötet werden. Der Mordversuche gab es mehrere. Auch wenn Er sich kurzzeitig den Menschenmassen entzog, kam Er dennoch immer wieder zu den Menschen zurück und predigte von Seinem Vater im Himmel und erfüllte somit nach und nach Teile Seiner Mission. Er diente dem Menschen in vielerlei Hinsicht. Er diente ihnen nicht als nur als Mensch, sondern Er diente ihnen in Seiner Eigenschaft als Sohn des allmächtigen Gottes.

Und dies zeichnet dieses irdische Werk des Gottes Sohns besonders aus. Gott diente den Menschen durch Seinen Sohn Jesus Christus. Wenn auch Menschen anderer Religionen nur einen Gott als den ihren nennen, so gibt es keine Religion außer dem Christentum, in der Gott zum Diener für uns Menschen geworden ist. Ein Zeichen dieses Dienstes an uns Menschen können wir in der Fußwaschung der Jünger vor dem gemeinsamen Passahmahl sehen. Gottes Sohn diente Seinen Jüngern, den Menschen, die Ihm folgten, in dem Er ihnen die Füße wusch. Und Gottes Sohn diente dem Menschen, in dem Er am Karfreitag zum Opfer Lamm wurde, in dem Er sich freiwillig kreuzigen ließ für uns Menschen.

Wie ein Lamm, dass zur Schlachtbank gebracht wird, ließ Er sich im Garten Gethsemane binden und befolgte damit den Willen seines Vaters.

Gebunden zu sein, welch ein Gefühl muss man dabei wohl haben? Oft sagen wir: „Mir sind oder mir waren die Hände gebunden“, wenn wir eine bestimmte Sache nicht machen können oder eine bestimmte Entscheidung, die vielleicht die richtigere gewesen wäre, nicht fällen konnten oder wollten. „Mir sind die Hände gebunden.“ bezeichnet eine Situation, in der ich keine Möglichkeit mehr habe auf irgendetwas Einfluss zu nehmen. Ich bin dieser Situation einfach ausgeliefert. Und genauso ist es auch Jesus gegangen, als ein ganzer Trupp von Bewaffneten mit den Hohepriestern und Judas an der Spitze in den Garten Gethsemane stürmten, um Ihn gefangen zu nehmen. Sie verhafteten Ihn nicht nur, sondern sie führten Ihn weg, nachdem sie Seine Hände zusammengebunden hatten. Es hatte den Anschein, als wäre Jesus ihnen ausgeliefert. Diejenigen, die Ihn banden und wegführten, fühlten sich wahrscheinlich in diesem Moment als Sieger. Eigentlich jedoch gehörten sie zu den absoluten Verlierern dieses Tages.



Und eine zweite Aussage beinhaltet der Satz des Johannes:

Er spricht nicht nur davon, wer Jesus ist, nämlich das Lamm Gottes, sondern er sagt außerdem etwas über Jesu Auftrag in dieser Welt.

„Siehe das Lamm Gottes, dass die Sünde der Welt wegnimmt.“ (Joh. 1,29)

Ich denke, in diesem 2. Teil des Satzes liegt der eigentliche Schwerpunkt der Aussage des Johannes. Jesus nimmt die Sünde weg. Und nicht nur die Sünden einzelner Personen sondern die der ganzen Welt.

Im Evangelium nach Markus lesen wir im 2. Kapitel, dass Jesus einen Gelähmten heilt. In dieser Geschichte bringen Menschen einen Gelähmten zu Jesus und da das Haus sehr voll und kein Durchkommen möglich war, deckten sie einfach das Dach ab und ließen den Gelähmten zu Jesus herunter. Jesus sah ihren Glauben, wie es heißt, und heilte den Gelähmten. Er sagt aber nicht einfach: „Steh auf und geh.“ sondern Er spricht ihn auch von seinen Sünden frei. Und dies ist nicht nur ein Einzelfall. Jesus vergab zu Seinen Lebzeiten bereits einzelnen Menschen, die an Ihn glaubten, die Sünden.

Diese Begebenheit zeigt, dass Jesus Vollmacht hatte, Sünden zu vergeben. Aber damit stellt sich auch die Frage: „Und wie ist das heute mit meinen Sünden?“ Jesus ist schließlich nicht mehr unter uns.

Hier hilft uns die Aussage des Johannes. Er spricht von dem Lamm Gottes, dass die Sünden der Welt wegnimmt. Die Sünden der ganzen Welt. Ist das nicht toll, dass alle Sünden der Welt bereits weggenommen sind.

Gerade diese Aussage über die Sünden der Welt, die durch den Opfertod Jesu getilgt worden sind, führt zu Irritationen. Diese Aussage bringt Menschen oftmals dazu, sich in einer gewissen Sicherheit zu wiegen. Wie oft hörte man schon die spöttische Aussage: „Na ihr Christen habt es ja gut. Ihr könnt sündigen soviel und wie ihr nur wollt, denn eure Sünden sind euch ja vergeben.“ Gegenüber Katholiken fügt man dann noch dazu: „Ihr braucht nur zur Beichte gehen und danach könnt ihr wieder tun und lassen, was ihr wollt.“

Natürlich ist es richtig, dass Jesus durch seinen Opfertod die Schuld der Menschen auf sich genommen hat. Keiner von uns hätte jemals die Möglichkeit, vor Gott als Gerechter dazustehen. Viel zu groß war unsere Schuld.

Bei diesem Freispruch handelt es sich um ein Angebot, ein Geschenk Gottes an uns. Wie in unserem alltäglichen Leben auch, kann ich ein Geschenk annehmen aber ich muss nicht. Ich kann dieses Geschenk Gottes, dass sich in Seiner übergroßen Liebe ausdrückt, an mich nehmen. Entscheidend ist dann aber auch, ob ich dieses Geschenk nehme und irgendwo in den Schrank meines Lebens packe, in dem sich das eine oder andere im Laufe der Zeit angesammelt hat, oder ob ich das Geschenk nehme und es auspacke. Entscheidend ist, ob ich mich über dieses Geschenk freue, es nicht im Schrank verstaut lasse sondern es mit mir herumtrage und möglichst vielen Menschen davon erzähle. Es also zum Bestandteil meines Lebens und meines Alltags mache. Das Angebot Gottes besteht auch 2000 Jahre nach Jesu Tod noch. Ob ich dieses Angebot, dieses Geschenk annehme, liegt bei mir.

Wichtig bei dem vorhin erwähnten Zusammentreffen des Gelähmten mit Jesus war der Hinweis, dass Jesus, wie es heißt, ihren Glauben sah. Aufgrund des Glaubens der Menschen heilte Er sie und sprach sie von ihren Sünden frei. Uns wird Jesus ebenfalls von der Sünde freisprechen, wenn wir glauben und diesen Glauben leben. Der Anfang wurde auf dem Berg Golghata gemacht. Jesus ist für uns gestorben. Er hat die Sünden der Welt auf sich genommen. Zu unserem Heil. Nun liegt es an uns dieses Angebot Jesu anzunehmen.

Der Apostel Johannes schrieb in seinem 1. Brief „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9) Und weiter heißt es:

„Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht alleine für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.“ (1. Joh. 2,2)

Die Frage, die sich jeder von uns stellen muss, lautet: Sind wir bereit und fähig, unsere Sünden zu erkennen, diese zu bekennen und voller Demut unser Leben neu auszurichten? Nämlich auf Jesus hin.

Wenn ja, ist damit auch eine Veränderung in unserem Leben mit verbunden. Durch den Glauben an Jesus Christus kommen wir zu einem tiefen Verhältnis zu Ihm. Dieses tiefe Verhältnis führt dazu, dass wir auch das Tun wollen, was Er tun würde. So wie zwei Menschen, die in einer tiefen Beziehung zu einander stehen und deren Gedanken in erheblichen Maße um den anderen kreisen, wird Jesus auch in unserem Denken und Handeln immer mehr Raum greifen. Wenn wir mit Jesus durch den Glauben in eine solche Lebensverbindung treten, so findet gleichzeitig eine Lösung von der Sünde statt. Wir sind dann nicht nur von der Sündenschuld freigesprochen, sondern wir beenden auch das Leben in Sünde. Sicherlich wird uns die Sünde weiterhin nachgehen. Nicht umsonst sollen wir beten: „Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen“. Bleiben wir jedoch in Jesus, wird die Versuchung immer weniger Erfolg bei uns haben. Sie hat nur dann Erfolg, wenn die Verbindung zu Jesus der Versuchung nicht standhält.

In Römer 13, 14 heißt es, dass wir Jesus wie ein neues Kleid anziehen sollen. In diesem Kleid eingehüllt, können wir uns vor Gott sehen lassen.

Gott hat sich zu unserem Diener gemacht. Gott hat Seinen Sohn zu uns gesandt, damit dieser zur Sühnung für die Sünden der Menschen wurde. Sühnung nicht nur für die Sünden der Menschen der damaligen Zeit, sondern für alle Menschen die jemals auf der Erde lebten und leben werden. Auch für dich und mich. Für uns alle wurde Er im Garten Gethsemane wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt, gebunden und abgeführt. Für uns alle wurde dieses Kreuz aufgestellt und für uns alle wurde Jesus an ihm hingerichtet.

In seinem Buch „Gnade ist nicht nur ein Wort“ schreibt Philip Yancey die folgenden Sätze: „Was die Vergebung verhindert, ist nicht Gottes Widerstreben zu vergeben sondern vielmehr unser eigenes Widerstreben, Vergebung anzunehmen. Gottes Arme sind immer ausgestreckt; wir sind diejenigen, die sich abwenden.“

Lasst uns daher das Geschenk der Sündenvergebung annehmen. Lasst uns in uns gehen und uns unsere Sünden vor Gott bekennen, so wie es Johannes in seinem Brief schreibt. Lasst uns an Jesus und den neuen Bund, den unser Vater im Himmel mit uns eingehen will, dieses unermeßliche Angebot mit Freude glauben und annehmen. Und lasst uns darauf vertrauen, dass Gott treu ist und uns liebt. Und uns unsere Sünden vergeben sind, wenn wir an Ihn mit allen Konsequenzen glauben und Ihm folgen.

Amen.







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