“Freut euch immerzu, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid, und noch einmal sage ich: Freut euch!” (Philipper 4,4-9)

Predigt in der Lydia-Gemeinde am 26. Juni 2005
von
Marco Neumann


Habt ihr euch schon einmal gefragt, ob unser Gott ein freudiger Gott ist, oder ob er vielleicht doch eher trübsinniger Stimmung ist, bei all den Dingen, die hier auf Erden so geschehen?

Als ich diese Predigt vorbereitete, habe ich Gott anhand dessen, was in seinem Wort, der Bibel, von ihm gesagt wird, einmal unter dem Aspekt der Freude betrachtet. Ich war erstaunt, an wie vielen Stellen wir darüber etwas erfahren können. Das fängt ganz vorn an: Die Schöpfung. Könnt ihr euch vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn Gott kein extrem fröhliches Wesen wäre – sagen wir z.B. er wäre, was Arbeit betrifft, ungefähr so eingestellt wie wir? Willo hat das beim Gottesdienst recht treffend zusammengefasst: “Und die Erde wurde wüst und leer” - Alles was da wäre, würde möglichst effektiv seinen Zweck erfüllen: flaches Land, in Serie gefertigte Lebewesen, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, von Vielfalt keine Spur und am Ende jedes Schöpfungstages (pünktlich um vier) hätte er vermutlich gesagt: “Nicht schön, aber selten. Es wird seinen Zweck schon erfüllen. Jetzt geh' ich mich erstmal entspannen...”. Wie anders sieht doch die Wirklichkeit aus: Da wird uns berichtet, wie Gott unermüdlich unzählige Farben und Formen erschafft, wie er sich jedes Detail liebevoll ausdenkt – und sich am Ende jedes Tages ansieht, was er geschaffen hat, und sagt: Ja! Das ist sehr gut! Genauso habe ich es mir vorgestellt. Und er hatte Freude an dem, was er getan hatte. Es ging ihm nicht um Effektivität und Ökonomie – sondern um jedes EINZELNE Wesen. Stell Dir vor, wie Gott gehandelt hat, als er Dich geschaffen hat: Er hat sich jedes einzelne Detail, jede Eigenschaft von Dir ausgedacht und hat Dich liebevoll im Mutterleib zusammengefügt. Und als Du geboren wurdest, da hat er gesagt: Ja! Genauso habe ich Dich mir gewünscht. Ich liebe Dich und freue mich an Dir!

Und Gottes Freude zieht sich von da an durch sein ganzes Wort: Durch den Propheten Zefanja lässt er uns verkünden: “Der Herr, dein Gott, ist in deinen Mauern, er ist mächtig und hilft Dir. Er hat Freude an dir, er droht dir nicht mehr, denn er liebt dich; er jubelt laut, wenn er dich sieht“ (Zef.3,17, GN). Über die Zeit des neuen Bundes, in dem wir leben dürfen, lässt er durch Jeremia bekannt machen: “Ich werde nicht mehr aufhören, ihnen Gutes zu tun, und ich werde die Ehrfurcht vor mir in ihr Herz legen, so dass sie sich nicht mehr von mir abwenden. Dann wird es mir eine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ (Jer.32,40,GN) Und schließlich erzählt auch Jesus uns, wie es im Himmel zugeht, wenn EIN Mensch erkennt, dass er ein Sünder ist und ein neues Leben anfängt: “Genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt, als über 99 andere, die das nicht nötig haben“ (Lk 15,7,GN)

An diesen wenigen Beispielen können wir schon erkennen, was für ein Wesen Gott hat. Es gibt mehr davon in der Bibel – und nicht nur da: Wir dürfen es hautnah im eigenen Leben erfahren!

Aber ist es auch Gottes Wunsch, dass wir Freude erleben?

Auch in dieser Frage lässt er uns nicht im Dunkeln tappen. Er erklärt uns an vielen Stellen, dass wir Grund zur Freude haben – aber er weiß auch, dass wir das, was wir wissen, nicht immer fühlen. So ist Freude ein Angebot eines liebenden Papas für seine Kinder – ein Angebot, bei dessen Wahrnehmung er uns auf alle erdenklichen Arten zu helfen versucht, aber es ist keine zusätzliche Forderung, die uns noch mehr Trauer einbringt, weil wir sie so selten erfüllen können.

Wir dürfen uns freuen! Ein paar Gründe dafür zählt Gott uns auf: Er erzählt uns, was er Wunderbares für uns vorbereitet hat - „Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr.“ (Offb.21,4,GN) – für die Zeit, in der wir ganz und gar mit ihm zusammen sein werden. Er erzählt uns das, damit wir uns jetzt schon darauf freuen können – in der Hoffnung. Aber dabei bleibt er nicht stehen! Denn jetzt gilt schon das, was der Heilige Geist durch Jesaja über die Zeit des neuen Bundes vorhersagt: “Die Weinenden soll ich trösten und allen Freude bringen, die in Zion traurig sind. Sie sollen nicht mehr Staub auf den Kopf streuen und in Trauerkleidern umhergehen, sondern sich für das Freudenfest schmücken und mit duftendem Öl salben; sie sollen nicht mehr verzweifeln, sondern Jubellieder singen“ (Jes.61,2, GN) Selbst im Sabbatgebot kommt Gottes Freude als ein Wunsch für uns zum Ausdruck: „Haltet ihn ein als einen Tag der Freude! Dann werde ich selbst die Quelle eurer Freude sein“ (Jes.58,13,GN). Als das Volk von Juda nach langer Gefangenschaft heimkehrt und hört, was Gott in seinem Gesetz fordert und deshalb sehr betrübt ist, lässt Gott ihnen durch Nehemia sagen: “Und macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn wird euch wieder Mut geben“ (Neh.8,10,GN) Wir dürfen uns am Herrn freuen – und diese Freude wird uns Kraft und Mut geben, so zu leben, wie es Gott gefällt. Und Jesus sagt: „Bittet und er wird euch beschenken, damit an eurer Freude nichts mehr fehlt“ (Joh.16,24,GN) – Ist das nicht toll? Er will uns beschenken – nicht damit wir besser funktionieren, sondern damit an unsere Freude NICHTS mehr fehlt! Unglaublich! So einen Papa haben wir!

Aber dieser Papa kennt uns durch und durch. Er weiß wie oft wir traurig sind. Er weiß, dass unsere Gefühle und Gedanken oft nicht widerspiegeln, wer wir sind und was wir wissen. Er weiß auch, dass es auf dieser Erde noch Leid und Schmerz und Tränen gibt – denn diese Welt steht unter der Herrschaft Satans. Wir wissen von Jesus, dass auch er zeitweilig traurig war, als er als Mensch hier auf Erden lebte. Er weinte über Menschen. Wir können auch von Gott lesen, welche Gefühle ihn bewegen: “Das Herz dreht sich mir um, wenn ich nur daran denke; mich packt das Mitleid mir Dir“ sagt unser Vater, als er bedenkt, welche Strafe Israel für seine Taten verdient (Hos.11,8,GN). Und im Rückblick sagt er: „Denn es tut mir weh, dass ich Unglück über euch bringen musste“ (Jer.42,10,GN) – Aber diese Trauer macht nicht das Wesen Gottes aus!

Die Fähigkeit zu tiefer, echter Freude, die Teil von Gottes Wesen ist, hat der Mensch von ihm geerbt, als er nach Gottes Bild geschaffen wurde. Doch durch den Sündenfall wurde diese Fähigkeit, wie so vieles andere Gute, pervertiert. Was blieb, ist eine Ahnung davon, dass es richtige, dauerhafte Freude und Glück gibt und eine tiefe Sehnsucht in uns, sie zu erleben. Ein ehrlicher Blick auf uns selbst oder die Gesellschaft genügt, um zu sehen, wie krampfhaft wir danach suchen – wie oft wir auf Versprechen Satans hereinfallen, dass diese Freude, dieses Glück anderswo zu finden sei als in Gott: im neuen Partner, im Konsum, im Urlaub.... Wir suchen mit ganzer Kraft etwas oder jemanden, der uns glücklich macht und erkennen gar nicht, dass uns nicht der Anlass sondern die Fähigkeit zu echter Freude fehlt. All die Kleinigkeiten, über die ein Kind staunt und sich freut, sind ja noch da: ein niedlicher Käfer, das Meer, tolle Wolken, wunderschöne Blumen... - aber wie oft nehmen wir das noch wahr? Und wie oft sind wir fähig, uns daran zu erfreuen? Oft schaffen wir es vielleicht gerade noch, uns auf etwas zu freuen und sind so auf dieses kommende Ereignis fixiert, dass wir all die Freuden, die Gott uns an unseren Weg stellt, glatt übersehen. Und letztlich so oft enttäuscht, wenn das Ereignis dann tatsächlich eintritt, weil einige unserer vorfreudigen Erwartungen nicht erfüllt werden.

Oder wir erleben etwas, woran wir uns erfreuen, und haben dann solche Angst, diese Freude zu verlieren, dass wir uns anstrengen, diese Freude zu konservieren, und durch diese Anstrengungen den Augenblick der Freude kaputtmachen. Nehmen wir an, ich sehe meiner kleinen Tochter Natalie zu. Sie sieht gerade ganz besonders süß aus und macht irgendetwas Niedliches – aber statt diesen Augenblick zu genießen und mich daran zu erfreuen, laufe ich los, um einen Fotoapparat zu holen um diese Freude später noch verfügbar zu haben.

Aber Gott kennt uns! Er weiß, wie es in uns aussieht. Er weiß, wozu wir fähig sind - und wozu nicht. Er hat für uns gehandelt, als er seinen Sohn in diese Welt sandte, um das wieder herzustellen und zu erneuern, was kaputt ist. Er hat für uns einen neuen Menschen geschaffen, den wir “anziehen” dürfen und sollen. Und er gibt uns ein Versprechen: “Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und schenke euch ein Herz, das fühlt.” (Hes.36,26,GN)

Wir haben also, praktisch besehen, zwei Aspekte der Freude: Gottes Handeln – durch das er uns Anlass und Fähigkeit zur Freude schenken möchte – und unser Handeln – durch das wir diesen “neuen Menschen” anziehen müssen, wie Paulus es ausdrückt. Am Schluss soll es darum gehen, wie wir diesen neuen Menschen im Hinblick auf Freude anziehen können; an welchen “Ecken” unseres neuen Menschen wir sozusagen ziehen müssen, damit wir in das hineinschlüpfen können, was Gott uns anbietet.

Wir könnten zum Beispiel damit anfangen, dass wir herausfinden, welche Eigenschaften sich Gott für uns ausgedacht, als er uns erschuf. Wir könnten uns darüber Gedanken machen, was er sich dabei gedacht, wie ich diese Eigenschaften zu seiner, und damit letztlich auch zu meiner, Freude einsetzen kann – aber auch darüber, welche Gefahren es für mich mit diesen Eigenschaften gibt. Nehmen wir beispielsweise einen Menschen, der fest stellt, oder von einem liebevollen Mitmenschen gesagt bekommt, dass er schnell begeisterungsfähig ist. Stellen wir uns vor, was Gott sich dabei gedacht hat: Wie dieser Mensch von einer Predigt ergriffen wird und andere ansteckt. Wie dieser Mensch, wenn seine Geschwister im Glauben es verstehen, diese Begeisterung immer wieder neu zu wecken, seine Arbeit für Gott in einer Weise ausführen lässt, der andere Menschen abspüren, dass er mit Feuer und Flamme dabei ist. Aber stellen wir uns auch die Gefahren vor: der gleiche Mensch, der, anstatt Gottes Reden ausgesetzt zu sein, von der Werbung infiziert wird. Dessen Begeisterungsfähigkeit, statt auf Gottes Ziele, auf materielle Dinge gelenkt wird. Dieser Mensch, der dann, statt der Freude Gottes, finanzielle Nöte und Existenzängste erlebt.

Ein anderer Zipfel des neuen Menschen sind die Gedanken: Salomo schreibt: “Mehr als auf alles andere, achte auf deine Gedanken, denn sie bestimmen dein Leben” (Spr.4,23,GN). Aber jeder, der schon einmal ernsthaft versucht hat, an irgendetwas Bestimmtes nicht zu denken, weiß, dass das nahezu unmöglich ist. Hier hilft uns Paulus weiter, wenn er an die Philipper schreibt: “Richtet eure Gedanken auf das, was gut ist und Lob verdient, was wahr, edel, gerecht, rein, liebenswert und schön ist.” (Phil.4,8,GN) – Der Weg, auf unsere Gedanken zu achten, ist also der, sie bewusst auf das zu lenken, was Paulus hier beschreibt. Wir haben zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens unendlich viele Dinge, über die wir traurig sein können – aber mindestens ebenso viele an denen wir uns erfreuen können. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken. Eines dieser Dinge, an denen ich mich ganz oft erfreuen kann, ist die Tatsache, dass Gott sich über meine Gegenwart freut. Ich habe viel Zeit der Freude erlebt, wenn ich mir das bewusst gemacht habe, und einfach die Augen geschlossen habe, und in Gedanken vor meinen lieben Vati getreten bin – ohne Bitten, ohne Danken – einfach nur in seiner Nähe sein.

Auch unser Vertrauen ist ein wesentlicher Teil dieses neuen Menschen. Vertrauen wir Jesus, dass er uns immer wieder Anlass zur Freude geben wird? Dann können wir uns an diesem Sonnenuntergang erfreuen und ihn gehen lassen, ohne ihn in irgendeiner Form krampfhaft fest halten zu müssen. Vertrauen wir Gott, dass er für uns sorgen wird? Dann müssen sich unsere Gedanken nicht mehr endlos um unsere Zukunftsängste drehen, sondern sind frei auf das zu sehen, “was gut ist und Lob verdient ...”. Wir werden frei, den Augenblick wahrzunehmen, das “Jetzt” - den einzigen Zeitpunkt, an dem wir Gott erleben können. Für ihn gibt es keine sinnlosen Augenblicke – jede Sekunde hat Bedeutung.

Vor gar nicht allzu langer Zeit, hat Gott einmal zu mir gesagt: “Heute möchte ich Dich beschenken!” - einfach so. Und dieser Tag war wunderschön. Es sind nicht einmal besondere Dinge passiert – stattdessen hat Gott mich an diesem Tag mit der Fähigkeit beschenkt, all die wunderbaren Dinge wahrzunehmen, die mich umgeben, und mich an denen zu erfreuen.

Das wünsche ich Dir, wenn Du diese Predigt liest!

Jesus sagt: “Ich aber bin gekommen, damit meine Schafe das Leben haben, Leben im Überfluss” – (Joh 10,10)
AMEN.





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