„DU“
Beziehung zu Gott als
Grundlage des Gebets (Gebet I)
Predigt in der
Lydia-Gemeinde am 3. April 2005
von Thomas Vollenweider
GEBET ist für uns in der Lydia-Gemeinde
ein Schwerpunktthema in diesem Jahr! Das haben uns schon die beiden
Jahreslosungen gezeigt:
Jesus
Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre
(Lukas 22, 32)
„Ich
harrte des Herrn und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien.“ (Psalm
40,2 Luther)
In
den letzten 48 Stunden ist das Gebet in die Öffentlichkeit gerückt. Johannes
Paul II hat seinen Lebens- und Leidensweg zu Ende geführt und weltweit traten
die Gläubigen im Gebet für ihn ein. Betende Menschen auf dem Petersplatz in
Rom, in ganz Polen, in Mexiko, in der St. Hedwigs Kathedrale, überall. Journalisten
und Reporter bewegten sich auf unbekanntem Terrain…Für uns Christen ist das
Gebet von zentraler Bedeutung. Wir wollen uns die nächsten Wochen ganz
besonders damit beschäftigen! Auch in den Gottesdiensten:
Predigtreihe
über das Gebet

1. „DU“ – Beziehung zu Gott als
Grundlage des Gebets (am
2. „Bittet Gott, und Er wird…!?“ – Was Gebet bewirkt (am
3. „Sollen wir Gott nerven? –
Was ist Fürbitte?“ (am
4. „Wenn Mütter beten… was Eunike für Timotheus tat“
(am
5. „Gott spricht zu uns durch
seinen Geist“ (am
Pfingsten)
6. „5 Gebetsschritte in Gottes
Gegenwart“ (am
Heute
ist also die erste Folge dran:
„DU“
– Beziehung zu Gott als Grundlage des Gebets. Dazu ein Text aus Psalm 25:
„Zu dir, Du, hebe ich meine
Seele. Mein Gott, an dir sichre ich mich. Lass
mich, Du, deine Wege erkennen, lehre mich deine Pfade! Führe mich in deiner
Treue den Weg, so lehre mich! Denn du bist der Gott meiner Freiheit, auf dich
hoffe ich all den Tag.“
(Psalm 25,1, 4-5, nach
Martin Buber)
„Zu dir, Du, hebe ich
meine Seele
Martin Buber,
1878 - 1965
Martin Buber war ein großer jüdischer Philosoph und
Schriftsteller, der auch die Schriften des Alten Testaments ins Deutsche
übersetzt hat und dabei das jüdische Denken zum Ausdruck gebracht hat. Eines
seiner bekannteren Bücher ist sein „ICH UND DU“, in dem er seine
Dialogphilosophie erklärt. Er sieht die Existenz des Menschen in Beziehungen und
zwar in zwei grundsätzlich voneinander verschiedenen Beziehungen: Ich-Es- und Ich-Du-Beziehungen.
Die Ich-Es-Beziehung ist die
normale, alltägliche Beziehung des Menschen zu den Dingen, die ihn umgeben.
Ganz anders die Ich-Du-Beziehung. In
sie geht der Mensch mit seinem innersten und gesamten Wesen ein - ja in einer
Begegnung, in einem echten Gespräch tun das beide Partner. Für Buber ist aber die Begegnung mit dem anderen Menschen nur
ein Abglanz der Begegnung des Menschen mit Gott. Das Wesen der biblischen
Religion besteht für Buber darin, dass ein Gespräch
zwischen Mensch und Gott möglich ist.
Hier
sind einige Zitate aus seinem Buch „Ich und Du“:
Das Du begegnet mir von Gnaden - durch Suchen wird es nicht
gefunden.
Alles
wirkliche Leben ist Begegnung.
Wesenheiten
werden in der Gegenwart gelebt, Gegenständlichkeiten in der Vergangenheit.
Liebe ist die
Verantwortung eines Ich für ein Du:
Der Mensch
wird am Du zum Ich
Der Mensch
lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag
Aber
genug Philosophie! Das ist ja bekanntlich nicht jedermanns Sache. Ich will es
auf eine etwas praktischere Art erläutern:
Mit Gott auf Du sein!! Das zeugt von Nähe und
Vertrautheit. Er ist mein Vater, ich darf jederzeit zu Ihm kommen und Ihn
ansprechen! Der, der von sich selbst gesagt hat „Ich bin der ich bin“, der ewig
Seiende, tritt mir in Jesus entgegen und trägt mir so das „Du“ an. Ist das
nicht unglaublich?! Wir müssen also nicht mehr so beten:
„Sehr geehrter Herr Gott,
darf ich mich mit einem Anliegen von besonderer Bedeutung an Sie wenden, mit
der Bitte um möglichst baldige Bearbeitung…“
sonder
viel mehr „Lieber Papa/Abba/Vater, danke
dass Du für mich da bist. Ich bitte Dich…“
è s. Kartoon
„Hör mal zu, lieber Gott“
Gebet
ist keine Technik, keine fromme Übung, keine schönen Formulierungen, keine gute
Gewohnheit! Gebet ist Ausdruck einer lebendigen Beziehung! Es ist
Zwiesprache mit Gott, der uns in Jesus Christus so nahe gekommen ist!
Gebet
kann sich ohne Worte in unserem Inneren vollziehen, es kann laut formuliert
werden, in einfachen Worten, „wie uns der Schnabel gewachsen ist“ oder auch aufgeschrieben
und vorgetragen. Es kann gesungen, gesprochen, gedacht, oder gefühlt werden. Es
ist Hören auf Gott, Schweigen vor Gott, still werden, Zeit mit Gott verbringen!
„Wer wirksam beten will, muss eifrig
hören“ hat mal jemand gesagt. Dafür ist unser Text ein gutes Beispiel und
Vorbild für unser Beten:
„Zu dir, Du, hebe ich meine
Seele. Mein Gott, an dir sichre ich mich. Lass
mich, Du, deine Wege erkennen, lehre mich deine Pfade! Führe mich in deiner
Treue den Weg, so lehre mich! Denn du bist der Gott meiner Freiheit, auf dich
hoffe ich all den Tag.“
Gebet
ist das Vorrecht des Menschen! Weil er im Bild Gottes geschaffen ist, kann er zu
Gott Kontakt aufnehmen in seinem Geist! Das kann nur der Mensch! Tiere, wenn
sie noch so klug sind, wenn sie sogar sprechen, empfinden und lernen können, so
können sie doch nicht beten!!! Gebet ist der Ausdruck der Ur-Erfahrung
des Menschseins, dass Gott uns persönlich anspricht und wir mit unserem Leben
Antwort geben dürfen!
Vgl.
das Anspiel über’s Vater Unser:
Vater unser im Himmel ! Ja?Unterbrich mich nicht, ich bete! Aber Du hast mich doch angesprochen.Ich habe dich angesprochen? Äh...nein, eigentlich nicht. Das beten wir eben so: Vater unser im Himmel. Da! Schon wieder. Du rufst mich an, um ein Gespräch mit mir zu beginnen, oder? Also, worum geht´s?Geheiligt werde dein Name... Meinst du das ernst?Was soll ich ernst meinen? Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst. Was bedeutet das denn?Es bedeutet...es bedeutet...meine Güte, ich weiß nicht, was es bedeutet. Woher soll ich das wissen? Es heißt, daß du mich ehren willst, daß ich dir einzeigartig wichtig bin, daß dir mein Name wertvoll ist.
è Du – Deine –Dich und Dir – das ist die Grundlage für’s
Gebet. Es ist die Beziehung zu dem lebendigen Gott! Ganz im Gegenteil zu dem „Ich, meiner, mich und mir – Herr, segne
doch uns vier!“ Gebet streckt sich nach Gott aus. Es fragt nach Gott und
will in Partnerschaft mit Ihm das Leben gestalten. Gott ist nicht eine
Gebetserhörungsmaschine, sondern unser Vater im Himmel, der weiß, was wir
brauchen, der uns vieles aus Liebe schenkt, aber manches aus Liebe auch
verweigert.
Wie
können wir also von Gott her und zu Gott hin beten? Hier sind einige Ansätze:

Du bist meine Zuversicht!
Du hast alles im Griff!
Du lässt mich nicht los!
Du bist König der Könige und
Herr der Herren!
Du bist der Schöpfergott!
Deine Liebe ist so unfassbar
groß!
Deine Geduld kennt kein Ende!
Deine Treue hält mich fest!
Ich
berge mich in Deiner Hand!
Deine Barmherzigkeit und Güte
trägt uns!
Dein Geist erfülle uns ganz!
Ich
höre auf Dich!
Ich
liebe Dich!
Ich
sehe Dich,
Jesus, wie Du für mich am Kreuz stirbst
Ich
sehe Dich,
wie Du zur Rechten Gottes stehst!
Ich
erkenne Dich als meinen Herrn!
Ich
vertraue Dir
Dir gehört mein Leben
Dir singe ich mein schönstes
Lied!
Ich
will Dir
immer mehr gefallen, Herr!
è Wenn das „Du“ unsere Gebete
bestimmt, dann kommen wir in Anbetung und Lobpreis, dann fangen wir an, von uns
wegzusehen und Gott in Seiner Größe zu betrachten. Wir werden bereit zu hören,
uns von Gott ansprechen zu lassen.
Das
ist viel mehr als lediglich Ihm unsere Bitten vorzutragen und viel zu reden
ohne überhaupt zu erwarten, dass Er antwortet und vielleicht uns etwas ganz
anderes zu sagen hat als das, was wir hören wollen!
Jesus
selber ist uns hier ein Beispiel. Hören wir wie er gebetet hat:
Lk 10,21 Erfüllt vom Heiligen Geist, betete Jesus nun voller Freude: «Mein Vater, Herr über Himmel und Erde!
Ich danke dir, daß du die Wahrheit vor denen
verbirgst, die sich für klug halten; aber den Unwissenden hast du sie enthüllt.
Ja, Vater, das war deine Absicht.
è Was steht im Vordergrund?
Bitten oder Danken? Wer wird groß geschrieben: Du oder ich? Wie sieht das in
meinen Gebeten aus? „Lieber Gott, bitte gib, mach, tu!!!“ oder „Vater, Du bist
groß und gütig! Hilf Du mir, dass ich gebe, mache und tue wie Du willst!“ Wie
schreiben wir „Gebet“?
GEBET oder GEBET
Was
steht im Vordergrund? Was sticht bei unseren Gebeten hervor? Das eigene Ego
oder Gott? Gebet ist Zwiesprache zwischen mir und Gott, zwischen Gott und mir.
Es sind immer beide beteiligt. Die Frage ist, in welcher Beziehung sie
zueinander stehen und welches Verhältnis sie bestimmt: Vertrauen oder Skepsis,
Glaube oder Zweifel?! Wir dürfen mit Gott ins Gespräch kommen, ganz egal wo wir
stehen. Er freut sich darüber, denn Er hat längst den ersten Schritt getan und
uns angesprochen! Ich möchte so beten lernen, wie der Psalmist es kann:
„Zu dir, Du, hebe ich meine
Seele. Mein Gott, an dir sichre ich mich. Lass
mich, Du, deine Wege erkennen, lehre mich deine Pfade! Führe mich in deiner
Treue den Weg, so lehre mich! Denn du bist der Gott meiner Freiheit, auf dich
hoffe ich all den Tag.“
AMEN.