„Advent – Unterwegs zum Ziel!“ Lk. 2,1-7

Predigt in der Lydia-Gemeinde am 19. Dezember 2004
zum 4. Advent
von Pastor Thomas Vollenweider


In dieser Zeit befahl der Kaiser Augustus, dass alle Bewohner des römischen Reiches namentlich in Listen erfasst werden sollten. Eine solche Volkszählung hatte es noch nie gegeben. Sie wurde durchgeführt, als Quirinius Gouverneur in Syrien war. Jeder musste in die Stadt gehen, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen. Weil Joseph ein Nachkomme Davids war, der in Bethlehem geboren wurde, reiste er von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. Joseph musste sich dort einschreiben lassen, zusammen mit seiner jungen Frau Maria, die ein Kind erwartete. Als sie in Bethlehem waren, brachte Maria ihr erstes Kind - einen Sohn - zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall, weil sie in dem Gasthaus keinen Platz bekommen hatten. (Lk 2,1-7)

Wir haben uns in dieser Adventszeit mit folgenden Aspekten beschäftigt: Erwartung – Vorbereitung – Verheißung – An Heiligabend geht es dann um den Empfang – Welchen Empfang geben wir Jesus bei Seiner Ankunft? – und heute wollen wir einen Aspekt beleuchten, der ebenfalls ganz wesentlich zum Advent gehört. Es ist das Unterwegs-Sein auf das große Ziel hin!

Wenn die Erfüllung an Weihnachten das Kommen des Sohnes Gottes in diese Welt ist, dann hat die Adventszeit mit Josef & Maria zu tun und besonders mit den Wochen, Tagen und Stunden vor Seiner Geburt in Bethlehem! Wie kam es dazu? Welchen Umständen und Widerständen sind sie begegnet? Welche Enttäuschungen mussten sie verkraften? Wir könnten es auch Prüfung nennen!

Erwartung – Vorbereitung – Verheißung – Prüfung!

In dieser Zeit befahl der Kaiser Augustus, dass alle Bewohner des römischen Reiches namentlich in Listen erfasst werden sollten. Eine solche Volkszählung hatte es noch nie gegeben. Sie wurde durchgeführt, als Quirinius Gouverneur in Syrien war. (Lk 2,1+2)

Hier müssen wir einen kleinen geschichtlichen Exkurs einfügen, um zwei Personen ein wenig besser kennen zu lernen, die jedes Jahr in der Weihnachtsgeschichte vorkommen:


Wer war Kaiser Augustus?

AUGUSTUS (»der Erhabene«). Diesen Titel, der Göttlichkeit impliziert, ließ sich erstmalig Gaius Octavius (Octavian), der erste römischer Imperator (Kaiser), 27 v. Chr. vom Senat verleihen. Spätere römische Imperatoren nahmen den Titel ebenfalls an, aber wenn er als Name verwendet wird, bezieht er sich ausschließlich auf Octavian: 63 v. Chr. geboren und von seinem Onkel Julius Cäsar adoptiert, wurde er 44 v. Chr. der alleinige Herrscher des römischen Reiches. Augustus war es, der die Pax Romana bewirkte, die für einige Jahre Frieden und Sicherheit im Reich garantierte. In Judäa war Augustus ein großzügiger Schutzherr Herodes des Großen. Er fügte zu dessen Königtum Gebiete hinzu, unterstützte ihn in seinen Absichten, die Verpflichtungen eines treuen römischen Vasallen zu erfüllen, und stimmte seinen Bemühungen zu, römische Kultur in Judäa zu fördern. Augustus regierte 44 Jahre lang und wurde einen Monat nach seinem Tod (14 n. Chr.)


Und wer war Quirinius?

Der Cyrinus des Evangeliums ist der von einer armen Familie in Lanuvium südlich von Rom stammende Publius Sulpicius Quirinius (Tacitus, ann.3,48). Kaiser Augustus fördert ihn wegen seiner militärischen Erfolge (als Proconsul von Creta-Cyrene unterwirft Quirinius 15 v. Chr. die Marmarides und Garamantes. Florus 2,31,41)

Er hat Karriere gemacht: War 12 v. Chr. Konsul in Rom, wurde 3 v. Chr. Prokonsul der römischen Provinz Asia, war von 3-4 n. Chr. Berater des rechtmäßigen Erben Gajus Cäsar und von 6-9 n. Chr. kaiserlicher Legat von Syro-Zilizien. Im Anschluss daran lebte er in Rom und starb 21 n. Chr.


So weit dieser Abstecher in die römische Geschichte.

Das fängt ja gut an! Eine Volkszählung! So etwas hat es doch noch nie gegeben! Immer diese Römer!!! Eine Zumutung! Denn es ging natürlich hauptsächlich um die Erhebung der Steuern für Rom! Und…

Jeder musste in die Stadt gehen, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen. (Lk 2,3)

Das war eine Aufregung! Überall wurde der Erlass des Kaisers verkündet und die Bevölkerung bereitete sich auf dieses Ansinnen vor. Können wir uns das vorstellen? Wie wäre das bei uns in Deutschland, wenn jeder an seinen Geburtsort gehen müsste, um sich dort registrieren zu lassen!?!

Weil Joseph ein Nachkomme Davids war, der in Bethlehem geboren wurde, reiste er von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. (Lk 2,4)

Die Reise beginnt also in Nazareth, einem kleinen Provinzstädtchen in Galiläa in der römischen Provinz Syrien – weitab von der Provinzhauptstadt Antiochia am Orontes, dem heutigen Antakija, wo der Statthalter Quirinius residiert.

Da Joseph, der Zimmermann aus dem Geschlecht Davids war, musste er also den langen Weg nach Bethlehem (=Brothausen) auf sich nehmen, um sich dort in die Steuerlisten eintragen zu lassen! Es waren ca. 170 Km ein Weg! Also etwa wie von hier nach Halle an der Saale (177 von Rudow aus!)

Joseph musste sich dort einschreiben lassen, zusammen mit seiner jungen Frau Maria, die ein Kind erwartete. (Lk 2,5)

Für Joseph, den Zimmermann aus Nazareth, war das eine besonders schwere Reise, denn seine Frau Maria war hochschwanger und das Kind konnte jederzeit kommen! Sie hatte ihren Koffer schon gepackt, aber nicht um eine strapaziöse Reise von 170 km zu unternehmen! Das waren nun wirklich äußerst ungünstige Umstände!

Warum musste Maria überhaupt mit? Vom Gesetz her wäre es nicht erforderlich gewesen! Es gibt mehrere mögliche Erklärungen! FRAGEN: Was mein Ihr? Genau! Entweder wollte Joseph seine junge Frau nicht allein lassen, gerade für die Geburt ihres „unehelichen“ Kindes – denn so würde es überall aussehen, da es zwischen Hochzeit und Geburt keine neun Monate waren! Joseph wollte sie nicht dieser Schande und diesem Spott überlassen!

Oder aber die beiden haben sich zusammengesetzt und die Schrift studiert und sie kamen zu dem Schluss, dass Gott selbst ihnen diese Strapazen zumutet, damit sein Wille geschieht und das Prophetenwort in Erfüllung geht:

Aber zu Bethlehem im Gebiet der Sippe Efrat sagt der Herr: «Du bist zwar eine der kleinsten Städte Judas, doch aus dir kommt der Mann, der mein Volk Israel führen wird. (Mi 5,1) ( Hoffnung für alle)

Sie machten sich also auf den Weg gen Süden! Mehr als einen Esel konnten sie sich nicht leisten, denn sie waren arm. Sie nahmen Proviant für die lange Reise mit (fünf Tage hin, fünf Tage zurück). Die Übernachtung in den damaligen Herbergen (Khans) darf man sich nicht so vorstellen wie heute im Etap-Hotel! Für die Verpflegung waren die Gäste selber zuständig und meist gab es nur ein Dach überm Kopf, ein Strohlager für Mensch und Tier und eine Möglichkeit, Wasser zu schöpfen! Also mit anderen Worten Ungeziefer, Mist, raue Gesellen, harte Sitten… Nicht gerade der Ort für ein junges Mädchen – Maria war vielleicht etwa 14 – die kurz vor ihrer ersten Geburt steht!

Der Weg selber war beschwerlich. Es ging auf und ab, durch Wüstengebiete, gefährliche Wegstrecken, bergiges Land, fremde Kulturen. Sie sind wahrscheinlich erst ins Jordantal und dann bei Bethanien und Jericho den gefürchteten Handelsweg nach Jerusalem hinauf. Das ist die Strecke, wo man Wegelagerer hinter jeder Ecke fürchten musste! Von Jerusalem, wo sie noch einmal Pause machten, war es dann nur noch ca. 2 Stunden nach Bethlehem!

Nach einer ca. fünftägigen Reise kamen sie endlich in Bethlehem an und dort kam es zur Ankunft Gottes bei den Menschen. Bethlehem hatte damals eine über 1000-jährige Geschichte, denn hier kam König David her! Und deshalb hatte es eine besondere Bedeutung, denn damals war Israel so groß wie nie zuvor und nie danach! Und jetzt war es wieder voller Leben und Aufregung, denn der ganze Stamm Davids kam hierher zurück!

Übrigens: Der Weg nach Bethlehem kann heute immer noch recht beschwerlich und mühsam sein! Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte!

Ausschnitt aus dem Tagesspiegel von heute im Reisemagagzin (Artikel „Es ist so still in Bethlehem“):

„Die Wüste Judäa ist ein dürrer, schroffer Landstrich, in dem man sich schnell auf den Spuren der Bibel wieder findet. Im Staub des zerklüfteten, von tiefen Schluchten durchzogenen Berglandes zeigen sich auch Spuren von Wölfen und Steinböcken. Sogar Leoparden soll es hier geben. Glücklicherweise kreuzen nur Rebhühner und Kamele unseren Weg. Wer sich in der Wüste Judäa nicht auskennt, ist dem Himmel näher, als ihm lieb ist.

Der Wagen rast in halsbrecherischem Tempo durch Unebenen und Geröll. Odeds fröhliche Augen wirken vertrauenserweckend, jahrelang hat er in der Wüste gelebt. Einmal, im Winter, als sich Regen in den Wadis, den ausgetrockneten Flussbetten, zum reißenden Strom gesammelt hatte, wurden Minen von einem Militärlager an der jordanischen Grenze ins Tal geschwemmt.

Es wird Abend. Normalerweise führt der kürzere Weg nach Bethlehem über Hebron. Doch seit dem nationalistische Siedler Häuser in der palästinensischen Stadt besetzt halten, fährt man besser auf Umwegen zum Checkpoint. Vor der neun Meter hohen Mauer kanalisieren Betonbarrieren den Verkehr. Israelische Wachposten beobachten vom Spähturm aus unseren Bus. Ein junger Soldat zwängt sich mit unbeweglicher Miene durch die Sitzreihen und lässt sich die Pässe zeigen.

Die Straßen von Bethlehem sind menschenleer. Das düstere Bild passt nicht so recht zu deutscher Weihnachtsstimmung. Bis zum Beginn der Intifada waren sämtliche 6000 Gästebetten in der Geburtsstadt Davids und Jesu ausgebucht. Die christlichen, aber auch die muslimischen Bewohner lebten vor allem vom Fremdenverkehr. Unzählige Pilger drängten sich durch das 1,20 Meter niedrige „Tor der Demut“ in die Geburtskirche, und suchten in der Milchgrotte Jesus’ Stillplatz. Wir sind in der Geburtskirche fast allein, und genießen andächtig die Stille. Auch im Hotel Paradies sind wir die einzigen Gäste. Die Klimaanlage ächzt, Regen schlägt an die Scheiben. Draußen aber entfaltet die Stadt ein strahlende weißes Panorama.“


Als sie in Bethlehem waren, brachte Maria ihr erstes Kind - einen Sohn - zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall, weil sie in dem Gasthaus keinen Platz bekommen hatten. (Lk 2,6+7)

Aber welche Widerstände und Probleme sich dabei auftaten! Welch eine Enttäuschung! Niemand wollte sie aufnehmen, obwohl es doch offensichtlich war, in welchen Umständen und Notlage Maria sich befand! Joseph bat, flehte, schimpfte, zweifelte, hoffte und betete – aber nichts half. Sie landeten in einem Stall! Das durfte doch nicht wahr sein! Hier sollte der verheißene Messias zur Welt kommen!? Hatte Gott sie vergessen?

Was lernen wir also für unser Leben im Advent? Im Warten auf die Wiederkunft unseres Herrn?

Gott benützt Umstände, Widerstände und Enttäuschungen auf dem Weg zum Ziel: Der Ankunft Seines Sohnes in dieser Welt!

Er gebraucht die Mächtigen, Befehle – wie den von Augustus, auch heute noch, um an Sein Ziel mit uns zu kommen!

Wir sind unterwegs, unter-WEGs = auf dem Weg zum Ziel. Christen wurden damals schon „Menschen des Wegs“ genannt. Jesus sagt von sich, dass Er der Weg ist. D.h. für uns, dass wir uns nicht gemütlich niederlassen und zur Ruhe setzen. Wir sind Pilger und haben ein Ziel, das zu erreichen sich unbedingt lohnt!

Wichtig ist dabei, dass wir auf keinen Fall aufgeben, was immer kommt! Trotz aller Strapazen und Schwierigkeiten gehen wir weiter! Wir lassen uns nicht aufhalten. Wir behalten das Ziel vor Augen – Jerusalem und Bethlehem! Die Ankunft des Sohnes Gottes! Sein zweites Kommen! Die Erfüllung und Vollendung! Der Himmel, die Herrlichkeit! Keine Tränen mehr, kein Geschrei…

Erwartung = Freudige Zuversicht/Blick nach vorn!
Vorbereitung = Wir nutzen die Zeit und leben als Seine Jünger!
Verheißung = Wir leben unter der wunderbaren Zusage Gottes!
Prüfung = Sie wird ein Ende nehmen, so dass wir sie ertragen können!

Gott möchte uns heute ermutigen: Der Weg lohnt sich! Die Strapazen, die Geburtswehen, die Schmerzen sind vergessen, wenn wir den Sohn Gottes von Angesicht zu Angesicht sehen! Gerade so wie es für Maria in einem einfachen Stall in Bethlehem war! Wir leben im Advent – wir sind unterwegs mit Jesus! Gott bringt uns ans Ziel! AMEN.





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