Predigt am Open-Air-Gottesdienst in Rudow am 8. August 2004
von Pastor Thomas Vollenweider
Text: (Lk 19,1-10)
Jericho, im Jahr 30 n. Christi Geburt. „Zoff um Zach IV – Zehntausende gehen auf die Straße!“ lautete
eine Schlagzeile auf der Titelseite der „JZ“, der Jerichoer Zeitung. Es war eine Steuerreform der römischen
Abgabegesetze, die die Menschen auf die Palmen brachte, in der Palmenstadt Jericho. Sie forderten die Offenlegung
der Managergehälter der Obersteuereinnehmer, vor allem vom Vorstandsvorsitzenden Zächäus, dem am meisten
gehassten Mann der ganzen Jordanebene! Das Volk hatte das Vertrauen in die Politik verloren – Erpressung,
Korruption und Vorteilsnahme waren auf der Tagesordnung! Die Wirtschaftslage war schlecht, die Arbeitslosenquote
stieg ständig und Unzufriedenheit machte sich in der Bevölkerung breit. Soziale Unruhe und Aufstände drohten!
Genau in dieser Zeit besucht Jesus, der Sohn Gottes, der Wanderprediger aus Nazareth, die Stadt Jericho.
Der Evangelist Lukas berichtet im Kapitel 19 Vers 1-10 davon:
Als Jesus durch Jericho zog, liefen viele Menschen zusammen. Unter ihnen war Zachäus, der Oberaufseher
über alle Zolleinnehmer. Er war sehr reich. Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen; aber er war sehr
klein, und niemand machte ihm Platz. Da rannte er ein Stück voraus und kletterte auf einen Maulbeerbaum,
der am Wege stand. Von hier aus konnte er alles überblicken. Als Jesus dort vorbeikam, entdeckte er ihn.
«Zachäus, komm schnell herunter!» rief Jesus. «Ich möchte heute dein Gast sein!» Im Nu war er vom Baum herunter
und nahm Jesus voller Freude mit in sein Haus. Die anderen Leute empörten sich über Jesus. «Jeder weiß doch, daß
Zachäus nur durch Betrug reich geworden ist! Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten!» Zachäus wurde auf einmal
sehr ernst: «Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen, und wem ich am Zoll zuviel
abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück.» Da sagte Jesus zu ihm: «Heute ist ein großer Tag für dich
und deine Familie; denn Gott hat euch heute als seine Kinder angenommen. Du warst einer von Abrahams verlorenen
Söhnen. Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten.»
Zum besseren Verständnis noch einige Hintergrundinformationen:
Jericho, die „Stadt der Palmen“ im Jordantal, im heutigen Westjordanland, ist eine der ältesten
Städte der Welt! Es war damals eine reiche und bedeutende Stadt und eine der größten Steuereinzugszentren
der Römer in der Provinz Palästina.
Zöllner waren so eine Art Finanzbeamte, die von der römischen Besatzungsmacht zur Eintreibung der
Steuern von der Bevölkerung bestellt wurden. Es waren meist Einheimische, die dann als Kollaborateure
der Römer angesehen und mit Heiden und Sündern gleichgesetzt wurden! Diese Steuereintreiber hatten Hausverbot
in der Synagoge. Ihre Korruption war sprichwörtlich. Ein röm. Schriftsteller berichtet, dass er einmal ein
Denkmal für einen ehrlichen Zöllner gesehen hätte. So rar war das!!!
Es gab zwei Arten der Steuer:
Fixe Steuern für das Vorrecht, am Leben zu sein! Es war dies 10% vom Getreide und 20% von Öl und Wein.
Zudem gab es eine Einkommenssteuer von 1% auf alle Einkünfte.
Das zweite waren Abgaben und Zölle für den Gebrauch von Straßen, Häfen, Märkten, etc. z.B. wurde auf
einen Wagen eine Steuer erhoben, und zwar auf jedes der 4 Räder und auf das Zugtier! Es gab Einfuhr- und
Export-Steuern.
Das Steuersystem konnte hervorragende missbraucht werden: Die Steuerrechte wurden an den meistbietenden verkauft!
Solange dieser Pächter am Jahresende die vereinbarte Summe (das sog. Fixum) an Rom abführte, konnte er tun und lassen,
was er wollte. Diese Menschen verlangten oft ein Vielfaches der berechtigten Summe und wurden auf Kosten der Händler
sehr schnell sehr reich!
Das ist Jericho im Jahr 30. Fast 2000 Jahre später befinden wir uns in einer ähnlichen Lage! Und Jesus kommt auch zu uns.
Er schaut in Berlin vorbei, trifft Menschen heute wie damals den Oberzöllner Zachäus. Diese wahre Geschichte von damals
zeigt uns etwas von dem, was passiert, wenn wir Jesus in unser Leben hinein lassen!
1. JESUS KENNT UNSERE SCHATTEN!
Zachäus war reich, aber nicht glücklich! Er konnte sich alles leisten, sein Zaster vermehrte sich von Jahr zu Jahr!
Aber Frieden in der Seele konnte er sich dafür nicht kaufen. Er sehnte sich nach echter, tiefer Freude, nach Vertrauen
und Annahme, nach Freunden, die nicht nur auf seinen Reichtum schielten. Er wollte seine Schuld loswerden. Vergebung war
nötig! Deshalb wollte er Jesus unbedingt treffen, als dieser in die Stadt kam.
Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen; aber er war sehr klein, und niemand machte ihm Platz. (Lk 19,3)
Da rannte er ein Stück voraus und kletterte auf einen Maulbeerbaum, der am Wege stand. Von hier aus konnte
er alles überblicken. (Lk 19,4)
Wo stehen wir heute? Was ist Fassade? Und was steckt dahinter? Jesus kennt auch unsere Schatten! Er weiß um unsere
Situation, um unsere tiefe Verzweiflung, unser Aufschrei nach echtem Leben! Und wir sind Ihm nicht egal!
2. JESUS HOLT UNS AUS UNSEREM VERSTECK!
Als Jesus dort vorbeikam, entdeckte er ihn. «Zachäus, komm schnell herunter!» rief Jesus. (Lk 19,5)
Jesus findet auch heute noch Menschen, die sich nach Ihm sehnen, die auf der Suche sind nach dem Sinn in ihrem Leben!
Er kommt uns entgegen, wenn wir uns auf den Weg zu Ihm machen. «Zachäus, komm schnell herunter!» Jesus lockt uns aus der
Reserve, Er holt uns raus aus der Distanziertheit und dem
Schatten, runter vom hohen Roß! Weg von unserem Götzen! Er findet Dich, wo immer Du Dich versteckst!
Wie könnte ich mich dir entziehen; wohin könnte ich fliehen, ohne daß du mich siehst? Stiege ich in den Himmel
hinauf - du bist da! Wollte ich mich im Totenreich verbergen - auch dort bist du! (Ps 139,7-8)
3. JESUS MÖCHTE IN UNSER LEBEN KOMMEN!
«Ich möchte heute dein Gast sein!» Jesus lädt sich bei diesem stadtbekannten Sünder ein! Die Leute dachten, sie hören
nicht richtig!
Die anderen Leute empörten sich über Jesus. «Jeder weiß doch, daß Zachäus nur durch Betrug reich geworden ist!
Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten!» (Lk 19,7)
Jesus will bei diesem Mann einkehren? Bei diesem Kollaborateur, der nur durch Korruption, Betrug und Ausbeutung der
kleinen Leute hochgekommen ist?! Genau! Genau da will er hin! Und wir? Stehen wir denn mit einer weißen Weste da? Gibt es in unserem Leben nicht auch genügend Zoff und Zores?!
Diese beiden Wörter kommen aus dem Jiddischen und bedeuten:
Zoff: Streit, Reiberei, Unfrieden, Händel, Zank und Zerwürfnis! Kein Wunder, dass es zu einem Modewort, besonders
bei der Jugend, geworden ist!
Zores: Sorge, Ärger, Leid und Bedrängnis. Wörtlich bedeutet es eigentlich „Durcheinander“! Kennen wir diese
Bedrängnis in unserem Leben nicht auch zur Genüge!?
Und Jesus möchte auch in unser Leben kommen! Es schreckt Ihn nicht ab, dass wir sind wie wir sind!
Im Gegenteil! Gott will bei uns Wohnung machen. Er lädt sich auch heute bei uns ein und sagt: «Ich
möchte heute dein Gast sein!» Ist das nicht großartig? Wie reagieren wir auf dieses Angebot, das ist
die entscheidende Frage! Gehen wir darauf ein? Was hat Zachäus getan? Im Nu war er vom Baum herunter und nahm
Jesus voller Freude mit in sein Haus. (Lk 19,6)
4. JESUS VERÄNDERT DAS HERZ!
Zachäus wurde auf einmal sehr ernst: «Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen,
und wem ich am Zoll zuviel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück.» Da sagte Jesus zu ihm:
«Heute ist ein großer Tag für dich und deine Familie; denn Gott hat euch heute als seine Kinder angenommen.
Du warst einer von Abrahams verlorenen Söhnen. Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und
zu retten.» (Lk 19,8-10)
Zachäus ergeht es wie Scrooge in Charles Dickens Weihnachtserzählung! Er wird ein neuer Mensch! Er verteilt
die Hälfte seines Vermögens an die Armen und versucht auch sein Unrecht wieder gut zu machen, indem er den
Betrogenen das Vierfache erstattet. Wie kam dieser plötzliche Sinneswandel? Die Begegnung mit Jesus hat sein Herz
verändert! Er wusste auf einmal, was wirklich zählt im Leben und dass es so mit ihm nicht weitergehen konnte.
Er kehrte um. Die Bibel nennt das Bekehrung! Wir haben sicherlich alle schon einmal die Fahrzeuge der Berliner
Stadtreinigung mit der Aufschrift „Schon bekehrt?“gesehen. Diese Frage ergeht auch an uns heute Morgen!
Haben Sie schon diesen entscheidend wichtigen Schritt zurück zu Gott gemacht? Dann gilt auch für uns das Wort
Gehört jemand zu Christus, dann ist er ein neuer Mensch. Was vorher war, ist vergangen, etwas Neues
hat begonnen. (2Kor 5,17)
„Das ist ein großer Tag für dich!“ sagt Jesus zu Zachäus! Noch einmal neu anfangen, wie neu geboren – so fühlte er
sich! Und so war es auch! Und diese tolle Möglichkeit bietet sich auch uns! Auch wir können ein neuer Mensch werden,
noch einmal ganz neu anfangen. Ich lade Sie dazu ein!