Predigt in der Lydia-Gemeinde amKarfreitag, 18. April 2003
Thomas Wrana
Seit meiner Kindheit habe ich bei dem Gedanken an den Karfreitag immer ein recht unsicheres und ungutes Gefühl. Dieser Tag, an dem zumindest früher einem schon das Radioprogramm mit seiner Musikauswahl unmissverständlich klarmachte, dass irgendetwas anders war als sonst, war und ist ein sogenannter Feiertag, an dem mir nie so recht nach Feiern war. Warum und wie sollte ich feiern, wenn ich doch genau wusste, dass an diesem Tag dem Tod des Sohn Gottes gedacht wurde? Was war das schon für eine Bezeichnung „Feiertag"? Ja, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und die vielen anderen Gedenk- und Feiertage, beinhalteten immer irgendeinen Grund zum Feiern. Aber ausgerechnet Karfreitag? Dieser Tag versinnbildlichte den Verrat durch einen Freund, die Angst und Abkehr der Freunde, Jesu Leiden und seinen Tod. Kann man so etwas feiern?
Obwohl spätestens nach dem Sündenfall Gottes Wille feststand, dass Jesus als Kind in einem Stall zur Welt kommen und sein Leben hier auf Erden dieses vermeintlich unrühmliche Ende am Kreuz nehmen wird, konnte und wollten sich die Anhänger Jesu damals nicht vorstellen, dass das Leben des Messias auf diese Art und Weise enden wird. Der Messias,
- der Retter der Welt,
- Gottes eingeborener Sohn,
- einsam,
- verraten,
- gefangen genommen,
- gefoltert,
- verhöhnt,
- an ein Kreuz genagelt.
Das widersprach und widerspricht im Innersten unseren menschlichen Gefühlen.
Wie die Jünger zur Zeit Jesu so können auch wir uns noch heute nur schlecht vorstellen, dass das Leben Jesu solch ein dramatisches Ende nehmen musste. Ja ,wir wissen, dass Jesus für uns gestorben ist. Dass er die Sünden der Welt auf sich genommen hat und ganz speziell meine persönlichen Sünden. Aber musste es denn gleich so schlimm mit Ihm enden. Hätte da nicht auch irgendeine andere Todesart gereicht? Oder vielleicht sogar ein ganz natürlicher Tod. Sterben ist schließlich schon schlimm genug.
Nein, es musste und sollte ein Opfertod sein.
Durch das Opfer Jesu wird uns Menschen angezeigt, wie weit wir uns alle doch von Gott entfernt haben und vielleicht auch noch entfernt sind. In der Dramatik des Todes Jesu spiegelt sich auch die Dramatik unseres Verhältnisses zu unserem Schöpfer wieder. Es sind halt nicht nur Peanuts, wie wir heute so schön sagen, die wir auf unserem Kerbholz haben. Auch wenn wir denken, dass wir doch alle relativ gute Menschen sind, schließlich gibt es weit aus schlimmere als mich und dich, auch wenn wir einer Gemeinde angehören, unsere Familienverhältnisse stimmen, so macht das, was wir uns in unserem Alltag an Verfehlungen leisten, diesen Tod notwendig. Als Menschen stehen wir vor unserem Gott da mit leeren Händen aber mit einem gehörigen Sack Schuld auf unserem Rücken. Und wir können uns mühen und abrackern, trotzdem brauchen wir das Opfer Jesu. Durch Ihn ist uns die Schuld genommen. Durch seinen Tod ist das Verhältnis zum Vater bereinigt. Durch Ihn können wir Vater zu unserem Gott sagen.
Jesus der Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, unter uns gelebt hat und gestorben ist, zeigt uns noch in seinen letzten Stunden vor seinem Tod, wie nahe er uns Menschen ist. Er lebte wie ein Mensch und er litt auch wie ein Mensch. Und in seinen letzten Stunden gab er uns noch einmal wichtige Hinweise, so etwas wie ein Testament.
Diese wichtigen Vermächtnisse finden wir in den vier Evangelien in den Sieben Worten Jesu am Kreuz, wobei es sich vielmehr um sieben Sätze handelt:
- Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)
- Frau, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter. (Joh 19,26)
- Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Himmelreich sein. (Lk 23,43)
- Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! (Lk 23,46)
Bei der Betrachtung der Aussprüche Jesu müssen wir uns noch einmal die grausame Situation vor Augen führen, in der sich Jesus befand.
Jesus der Friedefürst, der so vielen Menschen Gutes tat,
- der gerecht und ohne Sünde war,
- der mit seinen Jüngern durch die Lande zog und von seinem Vater sprach.
- Jesus, der den Menschen den Willen Gottes offenbarte,
- der die Hungrigen satt machte
- der die Kranken heilte,
- die Blinden sehend und die Lahmen gesund machte,
- der die Ärmsten der Armen, die, die keine Zukunft hatten, ansprach, sie um sich scharrte und ihnen Hoffnung gab,
- der mit Menschen, die alles andere als angesehen waren, Gemeinschaft suchte,
dieser Jesus muss einen grausamen Tod sterben.
Wir müssen wissen, dass im Römischen Reich der Tod am Kreuz normalerweise nur Sklaven oder politisch Aufständische ereilte. Ein Beispiel ist die Kreuzigung im Jahre 70 v.Chr. von 6.000 Weggefährten des Spartacus entlang der Via Appia in Italien. In aller Regel wurden also nur Menschen gekreuzigt, die in der römischen Gesellschaft kein Ansehen hatten. Die Ärmsten der Armen. Welch eine Demütigung muss es für Jesus gewesen sein, als Sohn Gottes außerhalb der Stadtmauern Jerusalems an der Straße nach Cäsarea öffentlich zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt zu werden. Halten wir uns immer vor Augen, dass hier der einzige Gerechte, der einzige, der ohne Sünde war, Gottes Sohn, so grausam hingerichtet wurde.
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lk 23,34)
Jesus spricht mit seinem Vater. Er betet zu Ihm. Diese eindrucksvolle Vater-Sohn-Beziehung, von der wir das erste Mal bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer hören, durchzieht das gesamte Leben Jesu bis hin zu seinem Tod. Und so wendet er sich auch in der Stunde Seines Todes an Seinen Vater mit der Bitte, denen zu vergeben, die Ihm jetzt so viel Leid antun. Er setzt sich persönlich für Menschen, die Ihm feindlich gesonnen sind, bei Seinem Vater ein.
Ist dies nun eine besondere Eigenart Jesu? Nein, auch wir werden von Ihm aufgefordert so zu handeln. In der Bergpredigt in Mat 5, 44 lesen wir:
„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet;....“
Und in Mat 6,14 heißt es:
„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Selbst in der Todesstunde erinnert uns Jesus an die Worte aus der Bergpredigt. Wir sollen unserem Nächsten dessen Schuld vergeben. Wir sollen nicht nachtragend sein. Auch wenn wir nicht vergessen können, so sollen wir mit unserem Nächsten immer und immer wieder ins Reine kommen. Diese Vergebung soll soweit gehen, dass selbst in Situationen, die meine persönliche Existenz bedrohen, ich dem mich bedrängenden Menschen vergeben soll. Dies ist für uns Menschen sicherlich eine der schwersten Prüfungen und bedarf einer grundsätzlichen Änderung des menschlichen Naturells. Nicht nur, dass ich die eine, nein ich soll auch die andere Wange hinhalten. Wenn man mich auf die eine schlägt; soll ich dem anderen auch noch verzeihen.
Ist es vorstellbar, dass beispielsweise die Mütter, deren Kinder jetzt im Irak-Krieg an der Front gefallen oder durch Bomben getötet worden sind, demjenigen, den sie dafür verantwortlich machen, verzeihen können? Oder vielleicht weniger dramatisch: Ist es möglich, demjenigen zu verzeihen, der gerade mein Auto gestohlen hat? Demjenigen, der mich beleidigt hat? Der meine Vorstellungen von irgendeiner Sache oder meine Ziele durchkreuzt hat und vermeintlich kaputt gemacht hat? Der mir den Platz in der U-Bahn genommen hat, obwohl er eigentlich hätte sehen müssen, dass es mir heute nicht so gut geht? Sicherlich wird man sagen: „Na, diese Beispiele sind aber äußerst unterschiedlich zu bewerten. Der Tod eines Kindes ist doch etwas ganz anderes als der Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Und das stimmt auch! Aber wie schwer ist es für uns schon, einem Menschen bei kleinen Verfehlungen zu vergeben. Und um wie viel schwerer ist es dann, Menschen in größeren Dingen zu vergeben.
Diese Herausforderung für unser Leben ist aber eine der wichtigen Voraussetzungen für das friedliche Zusammenleben von uns Menschen. Das friedliche Zusammenleben nach außen wie auch nach innen. Durch Vergebung finde ich nicht nur zur Ruhe in der Beziehung zu anderen Menschen. Durch Vergebung finde ich auch zur Ruhe in mir selbst. Eine Ruhe, die zu erreichen, uns so unsagbar schwer fällt.
"Frau, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter." (Joh 19,26)
Im Johannesevangelium lesen wir, dass ausschließlich vier Personen, die zu seinem engeren Kreis gehörten, in der Nähe des Kreuzes standen und die Kreuzigung beobachteten. Es waren Jesu Mutter Maria, deren Schwester sowie Maria von Magdala und der Jünger, den Jesus liebte, also Johannes. Als Jesus seine Mutter und Johannes so bei einander stehen sah, sagte er zu seiner Mutter: „Frau, siehe dein Sohn!“. Und zu dem Jünger: „Siehe deine Mutter!“.
Jesus sieht in den Menschen, die vor seinem Kreuz stehen, die Trauer. Er sieht auch, dass die Trauer nicht nur deswegen vorhanden ist, weil Er ans Kreuz genagelt wurde und nun sterben muss. Nein, die Traurigkeit, die Verzweifelung in den Gesichtern der Menschen rührt auch von dem Gefühl der aufkommenden Einsamkeit her.
Jeder, der in seiner Familie oder bei ihm näher bekannten Menschen einen Trauerfall miterleben musste, stellt immer wieder dieses Phänomen fest. Der zurückbleibende Mensch sieht sich auf einmal einer wahnsinnigen Einsamkeit und Leere gegenüber. Welchen Sinn hat mein Leben noch, wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist? Wer wird mir zuhören, wenn ich alleine bin? An wen, kann ich mich anlehnen, wenn es mir schlecht geht? Diese und viele ähnliche Fragen berühren Menschen in ihrer Trauer. Diese Fragen schütteln den Hinterbliebenen durch, machen ihn unsicher und führen dazu, dass die Trauer nur noch größer wird.
Da jedoch weist Jesus seine Mutter und Johannes darauf hin, dass sie nun gegenseitig für einander da sein sollen. Hier ist nicht nur eine Regelung hinsichtlich der Altersversorgung Mariens getroffen worden. Hier ist eine neue Beziehung, nämlich eine Beziehung zwischen einer Mutter zu ihrem Sohn und umgekehrt, festgelegt worden. Hier haben zwei Menschen die Möglichkeit, ja die Chance, erhalten, sich gegenseitig in ihrer Trauer zu stützen, sich zu helfen, füreinander da zu sein.
Interessant ist, dass Jesus hier dazu beiträgt, dass zwei Menschen eine innige Beziehung eingehen sollen. Er spricht nicht die Gruppe der Vier an, sondern vielmehr nur zwei Personen. Sicherlich würde die Gemeinschaft derer, die Jesus gefolgt sind, also seine Gemeinde, jeden der Vier aufnehmen und sie stützen. Wichtiger ist es Ihm offensichtlich aber, dass in dieser Situation eine neue Zweierbeziehung gebildet ist.
Auch in unserem Leben sind Beziehungen zu anderen Menschen wichtig. Auch wir brauchen zum Leben Menschen, die uns ganz nahe sind. Und so können diejenigen Gott danken, die in solche Beziehungen eingebunden sind.
"Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Himmelreich sein." (Lk 23,43)
Wir erinnern uns. Einer der mit Jesus Gekreuzigten verhöhnte Ihn. Der andere jedoch erkannte, dass Jesus nichts Unrechtes getan hatte und Er dennoch gekreuzigt wurde. Und er bat Ihn, Jesus solle an ihn denken, wenn Er in Sein Reich kommt. Und Jesus versprach dem Gesetzesbrecher: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Himmelreich sein.“ (Lk 23,43)
In Mat 6, 21 lesen wir:
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! Wird in das Himmelreich kommen. Sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.
Ist dieses Versprechen Jesu „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Himmelreich sein.“ dann nicht ein wenig widersprüchlich, wenn nicht sogar anmaßend? Wie kann Jesus dem Verbrecher versprechen, dass dieser ins Himmelreich kommt, wo dieser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den Willen des Vaters im Himmel erfüllt hat. Im Gegenteil. Als Aufständischer war er sicherlich an Überfällen und Morden beteiligt gewesen. Sollte er ein Sklave gewesen sein, so müssen wir ebenfalls davon ausgehen, dass er sich irgendwie strafbar gemacht hat. Und Jesus verspricht solch einem Menschen die freie Fahrt in das Himmelreich! Nein, hier liegt nur auf den ersten Blick ein Widerspruch vor. Wenn wir aber genauer hinschauen, so sehen wir, dass egal was in unserem Leben passiert, letztendlich Jesus die Macht hat, Menschen das Himmelstor zu öffnen und ihnen eine Wohnung im Reiche Seines Vaters zu geben.
Hier finden wir die Bestätigung der Worte des Paulus, die er im Brief an die Römer schrieb:
"...., denn wenn du mit dem Mund bekennst: „Jesus ist der Herr“ und in deinem Herzen glaubst: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen. Denn die Schrift sagt: Wer an Ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen." (Röm 10, 9-11)
Und in Röm 10,13 heißt es:
"Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden."
Und dies hat der Mitgekreuzigte getan. Er hat geglaubt, dass Jesus der Herr ist, der die Macht hat und dass er von den Toten auferweckt wird. Er rief Jesus an und Jesus versprach ihm die Auferweckung von den Toten.
"Mich dürstet!"
(Joh 19,28)
Und Jesus überkam Durst. Und er rief vom Kreuz herunter: „Mich dürstet!“ Und die Soldaten nahmen einen Ysopzweig, an dessen Ende ein Schwamm steckte, tränkten ihn mit Essig und gaben ihn Jesus zu trinken.
Jesus zeigt hier ein ganz menschliches Verlangen. Er hat Durst. Mein Großvater erzählte mir aus seinen Kriegstagen, dass es viel schlimmer sei, Durst als Hunger zu haben. Durst bzw. das nicht ausreichende Trinken führt bei uns Menschen dazu, dass man sich unwohl fühlt und der Kreislauf verrückt spielt. Wir müssen trinken, um zu überleben.
Jesus zeigt auch hier, dass er ganzer Gott und ganzer Mensch ist. Ein menschliches Bedürfnis zeigt uns, dass Jesus nicht wie ein großer Held aus einem Hollywood-Film leidet und stirbt, sondern dass er wie seine Mitgefangenen leidet. Und ganz nebenbei, zeigt uns diese Bibelstelle auch, dass er das Opfer ist, das für uns hingegeben wird.
Wir lesen bei Johannes von dem Ysopzweig. Und wenn wir uns erinnern, dann kam diese Pflanze schon einmal in der Heiligen Schrift vor. Nämlich im 2. Buch Mose oder wie es auch anders heißt, dem Buch Exodus. Hier finden wir, dass die Israeliten vor ihrem Auszug aus Ägypten die Pfosten ihrer Haustüren und den Türsturz mit Blut der zuvor geschlachteten Lämmer bestreichen sollten, damit ihre Erstgeborenen nicht durch Gott getötet werden. In Vers 22 lesen wir:
„Dann nehmt einen Ysopzweig, taucht ihn in die Schüssel mit Blut, und streicht etwas von dem Blut in der Schüssel auf den Türsturz und auf die beiden Türpfosten!“
Das Blut dieser Lämmer an den Türpfosten im alten Ägypten war das entscheidende Zeichen dafür, dass Gott die Erstgeborenen der Bewohner der Häuser, also der Israeliten am Leben ließ. Die Lämmer wurden geopfert, damit alle Israeliten durch Gott aus Ägypten heraus geführt werden konnten. Und durch das Opfer Jesu Christi, der ja auch als das Opferlamm bezeichnet wird, werden wir nach unserem Tod aus dem Dunkeln in das Licht Gottes herausgeführt.
Ysop, eine Pflanze also, die in enger Beziehung zu dem Opfer steht, das den Menschen zum Heil geworden ist bzw. wird.
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34), "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!" (Lk 23,46) und "Es ist vollbracht!"(Joh. 19,13)
Und Jesus ruft hinaus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und danach „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“.
Ist hier etwa ein Widerspruch zu erkennen? Zunächst diese Frage, warum der Vater Ihn verlassen hat und anschließend der aus vollem Gottvertrauen kommende Satz „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“?
Hier sehen wir das menschliche, ja das geistliche Auf und Ab, das wir auch in unserem Leben verspüren. Wir erleben Gefühle, die uns einmal zum Himmel hoch jauchzen lassen und uns dann wieder zum Tode betrübt sein lassen. Wie oft stehen wir da, vielleicht gerade vor 4 Wochen während einer Veranstaltung von ProChrist, und sagen: „Ja, Herr! Dir will ich mein Leben übergeben. Dir will ich nachfolgen. Du sollst mich führen und leiten. Denn ich weiß, dass du das Beste für mich willst. Das ich bei dir geborgen bin. Dass du ein starker Gott bist und mich liebst.“
Und dann irgendwann und aus irgendwelchen Gründen fange ich an aus diesen geistlichen Höhen herabzugleiten wie ein Vogel. Hinein in mein persönliches, geistliches Jammertal. Dann ist nichts mehr mit „Dir will ich nachfolgen. Du sollst mich führen und leiten. Denn ich weiß, dass du das Beste für mich willst. Das ich bei dir geborgen bin.“ Dann kommt vielleicht auch der Vorwurf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum geht es mir so schlecht? Warum bin ich krank, arbeitslos, einsam? Du hast doch schließlich für mich zu sorgen. Ich habe mich doch auf Dich verlassen! Und nun dieser Scherbenhaufen, vor dem ich stehe.“ Zweifel kommen auf. Man bewegt sich unmerklich immer und immer weiter von Gott weg.
Aber da ist es wichtig, sich Jesus als Vorbild wieder vor Augen zu führen. Auch er war in einer ausweglosen Situation. Er hing am Kreuz, geschmäht von den Menschen, ja von ihnen ausgelacht und gedemütigt. Und auch wenn er vorher voller Trauer beklagte, dass Gott Ihn scheinbar verlassen hätte, Ihn im Stich gelassen hat, so wendet Er sich kurz danach wieder Gott zu. Sein Vertrauen in seinen Vater ist so riesig groß, dass er seinen Geist in die Hände des Vaters befiehlt. Er kann nicht anders. Grund dafür ist die vorhin schon einmal erwähnte besondere Vater-Sohn-Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater. Aus dem Gehorsam zu seinem Vater heraus, hängt er am Kreuz als das Opferlamm und aus dem Vertrauen zu seinem Vater heraus leidet er bis zum letzten Moment. Denn Er wusste, dass sein Vater weiterhin bei Ihm ist. Auch wenn Er Ihm zuvor vorwarf, dass er Ihn verlassen hätte.
Auch wenn Gott für uns in der einen oder anderen Lebenssituation scheinbar nicht da ist, so wissen wir doch, dass wir uns auf Ihn verlassen können. Wenn wir Ihn suchen und finden, führt er uns durch unser Leben. Er ist bei uns in guten und in schlechten Tagen. Er sorgt für uns. Und wenn wir irgendwann einmal, wie Jesus sagen können „Es ist vollbracht“, dann können wir auch wie Er darauf vertrauen, dass wir unseren Geist in Seine Hände legen können. Dass diese Hände offen sein werden. Jesus hat uns am Kreuz durch seine offenen Hände gezeigt, dass Gott die Welt und darin auch uns Menschen liebt. Gott wird uns durch seine offenen Hände einmal zeigen, dass wir Ihm in seinem Reich willkommen sein werden. Er wird uns teilhaben lassen an seiner Herrlichkeit, in seinem Haus, in dem Jesus heute schon eine Wohnung für uns eingerichtet hat.